Opferfamilie ging auf Täter los

Köniz/Bern

Das Obergericht bestätigte den Schuldspruch gegen einen Türken, der im Steinhölzli einen Kontrahenten erschossen hat. Es reduzierte die Strafe aber von elf Jahren und sieben Monaten auf acht Jahre. Nach dem Prozess kam es zu Tumulten.

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Hans Ulrich Schaad

Der Revisionsprozess zum Tötungsdelikt im Liebefeld fand unter grossen Sicherheitsvorkehrungen statt. Es gab strenge Eingangskontrollen, und im Gerichtssaal sassen vier Polizisten.

Bei der Verhandlung vor dem Regionalgericht war es vor einem Jahr zu Tumulten gekommen. Auch am Donnerstag kochten nach dem Urteil die Emotionen hoch. Angehörige des Opfers machten sich laut bemerkbar und beschimpften den Verurteilten und seine Begleiter.

Die Parteien verliessen den Saal auf Geheiss des Gerichts zeitlich gestaffelt. Einige nahmen den Hinterausgang unter Polizeischutz. Laut TeleBärn kam es trotzdem zu einer direkten Konfrontation. Zwei Personen der Opferfamilie wurden von der Polizei abgeführt.

Der Streit zwischen den beiden Landsmännern, die in der gleichen Branche tätig waren, schwelte schon länger. Am 26. Dezember 2011 eskalierte die Situation. Zuerst wurden die beiden am Nachmittag in einem Berner Restaurant handgreiflich.

Am Abend fiel bei der Bushaltestelle Steinhölzli im Liebefeld auf offener Strasse der tödliche Schuss. Für die Gerichte war es schwierig, anhand der zig Aussagen und ­Beobachtungen das dynamische Geschehen zu rekonstruieren.

Angehörige im Saal

Am Donnerstag hat das Obergericht den Schuldspruch gegen den heute 37-jährigen Schützen bestätigt. Es verurteilte ihn zu einer Gefängnisstrafe von acht Jahren. Es reduzierte die Strafe des Regionalgerichts Bern-Mittelland vom letzten September. Dieses hatte den Türken zu elf Jahren und sieben Monaten verurteilt.

Neu dazu kommt hingegen eine unbedingte Geldstrafe von 106 Tagessätzen à 70 Franken. Die Ange­hörigen des Opfers schüttelten bei der Urteilsbegründung immer wieder den Kopf, sie waren sichtlich unzufrieden.

Das Obergericht begründete die weniger lange Strafe mit zwei Punkten. Einerseits ging es im Gegensatz zur Vorinstanz nicht von einer vorsätzlichen, sondern von einer eventualvorsätzlichen Tat aus.

Zum anderen hängt dies mit der Position des Schützen ­zusammen. Die Gutachten und die Zeugenaussagen hätten kein klares Bild ergeben. Der Schütze sei mehr oder weniger aufrecht gewesen, sagte der Gerichtspräsident am Donnerstag. Für das Regionalgericht war der Schütze gestanden.

Unbestritten war für das Obergericht, dass sich der Angeschuldigte in einer Notwehrlage befunden hatte. Er wollte mit seinem Auto fliehen, als er seinen Kontrahenten mit Kollegen sah, wurde aber ausgebremst. «Er hat sein Notwehrrecht aber nicht ­angemessen wahrgenommen», erläuterte der Gerichtspräsident.

Er habe eine Waffe dabeigehabt, sei selber an der Gewaltspirale mitschuldig und habe aus kürzester Distanz geschossen. «Diese Notwehr ist nicht entschuldbar.»

Verteidiger David Gibor ist einerseits froh, dass die Strafe für seinen Mandanten deutlich reduziert worden ist. Andererseits ist er aber nach wie vor überzeugt, dass der Notwehrexzess entschuldbar gewesen war.

Schliesslich habe das Gegenüber mit einem Baseballschläger angegriffen. Gibor weiss noch nicht, ob er das Urteil weiterziehen wird.

Berner Zeitung

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