RBS ging zu Unrecht gegen einen Fahrgast vor

Bern

Ein heruntergeklapptes Trittbrett riss ein Zwergsignal weg, und der RBS wollte dafür einen Passagier haftbar machen. Zu Unrecht, fand die Richterin.

Ein Signal wurde durch eine defekte Tür an einem RBS-Zug beschädigt. Das Bahnunternehmen beschuldigte einen Fahrgast. Die Richterin sprach diesen jedoch frei. (Archivbild)

Ein Signal wurde durch eine defekte Tür an einem RBS-Zug beschädigt. Das Bahnunternehmen beschuldigte einen Fahrgast. Die Richterin sprach diesen jedoch frei. (Archivbild)

(Bild: Stefan Anderegg)

Stephan Künzi

Sogar der Vertreter des Regionalverkehrs Bern-Solothurn (RBS) war sich plötzlich seiner Sache nicht mehr sicher. Statt noch einmal festzuhalten, dass der Angeklagte für den Schaden an einem Signal im Berner RBS-Bahnhof verantwortlich zu machen sei, liess er verlauten: «Mir ist selber aufgegangen, dass sehr viel offen geblieben ist.»

Zu guter Letzt entschuldigte er sich sogar dafür, dass der RBS dem vermeintlichen Täter voreilig 5000 Franken als Schadenersatz in Rechnung gestellt hatte – worauf auch dieser versöhnliche Töne anschlug: Er bitte darum, eine gehässige Mail zu vergessen.

Richterin Salome Krieger musste den juristisch nicht sonderlich beschlagenen Bähnler daran erinnern, dass jetzt der Moment gekommen sei, die Forderung nach einer Verurteilung zu wiederholen. Der Angeklagte selber war da viel klarer: Er verlangte nicht nur einen Freispruch, sondern auch eine finanzielle Entschädigung. Zu sehr habe ihn das Verfahren belastet.

Er sollte recht bekommen. Krieger sprach ihn frei, setzte die Genugtuung auf 200 Franken an und liess offen durchblicken, dass es ihr der RBS nicht sonderlich schwergemacht hatte: Mit den vorgelegten Bildern aus der Videoüberwachung könne man dem Angeklagten wirklich keine Straftat nachweisen.

Tür blieb offen

Passiert war es an einem frühen Feierabend im vergangenen Oktober, als ein Mandarinli-Zug bei der Ausfahrt aus Bern ein sogenanntes Zwergsignal mitriss. Die schwarze, in Bodennähe montierte Laterne mit den drei runden Lampen stand einem Trittbrett im Weg, das sich unter einer offenen Türe nicht mehr hochklappen liess.

Den Ablauf der Ereignisse rekonstruierte der RBS in der Folge so: Die betroffene Tür war schon kaputt gewesen, als der Zug vorher in Bern einfuhr. Um trotzdem aussteigen zu können, betätigten die Passagiere einen Nothebel und schoben die Türflügel von Hand zur Seite. Der Lokführer wechselte die Kabine und fuhr gleich wieder los. Die Anzeige im Führerstand meldete ihm, dass der Zug komplett geschlossen sei. Das Sicherheitssystem merkte den Fehler nicht, weil die schadhafte Tür längst stillgelegt, vom Stromkreis genommen war.

Richterin mahnt

Auf den Fotos vermisste Krieger nicht nur den Beweis dafür, dass der Angeklagte den Nothebel tatsächlich gezogen hatte. Sie fand auch andere Unstimmigkeiten zu dem, was der RBS herausgefunden haben wollte. Die Bahn hatte stets betont, dass die Tür mit einem gelben Kleber deutlich als kaputt markiert gewesen sei. Auf den Bildern war aber eine Menschentraube zu sehen, die aussteigen wollte, und die Richterin stellte fest: «Es würden kaum so viele warten, wenn die Sache so klar gewesen wäre.»

Dann wurde sie allgemein. Sie kenne aus ihrer Zeit bei den SBB die Dienstvorschriften genau und wisse, dass ein Lokführer unter keinen Umständen mit offenen Türen fahren dürfe. Wenn dies beim RBS trotzdem passiere, stimme etwas nicht: «Die Abläufe müssen so gestaltet sein, dass ein solcher Fall von vornherein nicht eintreten kann.»

Berner Zeitung

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