Schlange stehen für Gurlitt

Klar, rund um die Eröffnung der Ausstellung «Bestandesaufnahme Gurlitt» war das Echo gross. Doch wie steht es fünf Wochen später ums Besucherinteresse – an einem normalen Betriebstag? Ein Augenschein.

Im Fokus des Besucher­interesses: Die Bilder aus dem Gurlitt- Erbe.

Im Fokus des Besucher­interesses: Die Bilder aus dem Gurlitt- Erbe.

(Bild: Christian Pfander)

Stefanie Christ@steffiinthesky

Morgens um halb elf in Bern: Vor der Kasse des Kunstmuseums bildet sich bereits eine ansehnliche Schlange. Ein Bild, an das sich Stammgäste erst einmal ge­wöhnen müssen – und das man eher mit dem Louvre oder dem Metropolitan Museum in Ver­bindung bringt als mit dem Berner Traditionshaus an der Hodlerstrasse. Doch dieses hat sich unter anderem durch das me­dienwirksame Gurlitt-Erbe in die höchste Liga der Kunstmuseen katapultiert.

Dass die Institution diesem Interesse rein räumlich nicht ganz gewachsen ist, zeigt sich an einem normalen Aus­stellungstag von «Bestandesaufnahme Gurlitt»: Die zahlreichen Besucherinnen und Besucher, die sich die erstmals öffentlich präsentierten Werke aus der Sammlung des Nazikunsthändlers Hildebrand Gurlitt zu Ge­müte führen wollen, müssen ihre Taschen und Mäntel abgeben – in der eigens im Ausstellungsraum eingerichteten, bewachten Garderobe.

Morgens um elf im Kunstmuseum: Eine Stunde nach Tür­öffnung schlendern schon rund hundert Interessierte durch die Räume. Rege machen sie Ge­brauch vom Audioguide und ziehen mit dem Gerät am Ohr von Bild zu Bild. Es gibt auch viel zu erzählen zu den mehrheitlich grafischen Arbeiten aus dem Gurlitt-Fundus, der 2012 von den deutschen Behörden entdeckt und 2013 öffentlich gemacht wurde. Während eine Schwesterausstellung in Bonn derzeit Raubkunstwerke ausstellt, sind in Bern Arbeiten präsentiert, die der «entarteten Kunst» zuge­ordnet werden.

Also Drucke, Zeichnungen und Gemälde, die der deutsche Staat ab 1937 in den öffentlichen Museen beschlagnahmt und gewinnbringend weiterverkauft hat – unter anderem über das Luzerner Auktionshaus Fischer. Und über die vier offiziellen Kunsthändler Hitlers, da­runter Hildebrand Gurlitt. Dessen Sohn Cornelius hat 2014 die Werke aus dem Kunsthändler­bestand seines Vaters dem Kunstmuseum vermacht.

Vor der Kasse bildet sich eine ansehnliche Schlange. Ein Bild, an das sich Stammgäste gewöhnen  müssen.

Seither ist die Institution, die sich innerhalb der Landesgrenze immer hinter dem Kunsthaus Zürich und dem Kunstmuseum Basel einreihen musste, in den inter­nationalen Fokus gerückt. «Wir verzeichnen überdurchschnittlich viele Eintritte», bestätigt Medienchefin Maria-Teresa Ca­no den Eindruck. Erste Zahlen will das Museum anlässlich der Jahrespressekonferenz nächste Woche kommunizieren.

Morgens um halb zwölf im Ausstellungsraum: Es wird eng vor den Informationstafeln und Schaukästen, die den historischen Kontext erklären. Gruppenführungen sind in vollem Gang. Im Flüsterton tauschen sich die Gäste aus – auf Englisch, Französisch, Hochdeutsch. «Siehst du, das ist jetzt eben diese Ausstellung», sagt eine Frau zu ihrem Begleiter. Zusammen se­hen sie sich ein Originalvideo der Ausstellung «Entartete Kunst» an – jene Femeschau, mit der die Nationalsozialisten 1937 die mo­derne Kunst diffamierten. Dann muss das Paar einer Kamera weichen.

Die Berner Band Jeans for Jesus streift mit einem Fernsehteam durch die Räume und gibt Interviews. Die vier Musiker ha­ben sich «Bestandesaufnahme Gurlitt» als Kulisse für einen «Nein zu ‹No Billag›»-Beitrag ausgesucht. Sie lassen sich ab­lichten vor den jahrzehntelang verschollenen, prächtigen Gra­fiken von Edvard Munch und Käthe Kollwitz. Oder vor Zeichnungen Cornelia Gurlitts und Radierungen Otto Dix’, die von den Schrecken des Ersten Weltkriegs zeugen.

Mittags im Kassenraum: Die Warteschlange ist gewachsen, das Museumscafé ist gefüllt. Jene Gäste, die sich «Bestandesaufnahme Gurlitt» bereits an­gesehen haben, schwärmen aus, den übrigen Teil des Kunst­museums zu entdecken. Ein Mu­seum, das aus dem lokalen Dornröschenschlaf geweckt wurde. Nicht durch einen Prinzen, sondern durch den verschrobenen Cornelius Gurlitt.

Berner Zeitung

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