Schleusenwärter Wäfler kurbelt nach wie vor von Hand

Bern

Die Ursprünge der Matteschwelle gehen bis ins Mittelalter zurück. Was hat sich seither verändert? Gar nicht mal so viel.

Andres Wäfler muss bei den Schleusen der Matteschleuse von Hand kurbeln.

Andres Wäfler muss bei den Schleusen der Matteschleuse von Hand kurbeln.

Michael Bucher@MichuBucher

Bei der Aareschwelle in der Matte ist noch richtige Muskelkraft gefragt. Andres Wäfler holt eine Kurbel aus dem Schwellenhaus. Er setzt sie bei einer der insgesamt 65 Schleusen an und kurbelt kräftig. Das 4 Meter lange Kunststoffelement, genannt Handschütze, ruckelt langsam nach oben. Sofort sprudelt Aarewasser durch die Lücke und fliesst über die 12 Meter langen Holzbretter der Matte­schwelle.

Wäfler beendet den Anschauungsunterricht und kurbelt wieder zurück. «Da weiss man, was man gemacht hat», meint der 62-Jährige leicht ausser Atem, aber mit einem Lächeln. Er ist bei Energie Wasser Bern (EWB) zuständig für den Betrieb und Unterhalt des Wasserkraftwerks in der Matte. EWB ist gemäss Konzession für den Unterhalt der Schwellenanlage verantwortlich.

Wäfler steht am unteren Ende der Matteschwelle, dort, wo nur Mitarbeitende des Wasserwerks Zutritt haben. Von den insgesamt 65 Schleusen, die bis zum Restaurant Schwellenmätteli hinaufreichen, sind nur 5 geöffnet – erkennbar an der Gischt, die oben beim Restaurant über die Schwelle rauscht.

Die Sonne brennt gnadenlos. Die Hundstage verlangsamen die Berner Gemütlichkeit zusätzlich. Auch die Aare ist in diesen Tagen langsam unterwegs – und mit wenig Wasser. Mit 150 Kubikmeter pro Sekunde fliesst sie durch die Bundesstadt. «Das ist etwas unter dem Schnitt für die Jahreszeit», sagt Wäfler. Das liege vor allem an den lang anhaltenden Hitzetagen. Denn eigentlich sind es die Sommermonate mit ihren oft heftigen Gewittern, welche das Hochkurbeln von einzelnen Schleusen häufiger nötig machen als in der kalten Jahreszeit.

Gefahr hat abgenommen

Doch es muss nicht immer ein Gewitter sein. Ende Juni etwa herrschte eine Hitzeperiode. Dennoch musste der Pikettdienst häufig zur Kurbel greifen. Der Grund: das viele Schmelzwasser aus den Alpen. Bis zu 300 Kubikmeter Wasser pro Sekunde führte die Aare. Doch das ist natürlich kein Verglich zu den gravierenden Hochwasser in jüngster Vergangenheit. 2005, als die Aare das Mattequartier flutete, waren es 580 Kubikmeter pro Sekunde, 1999 waren es gar 610.

Im Jahr 2005 stellte vor allem das viele Schwemmholz, das sich bei den Schleusen verfing, ein Problem dar. 2 Jahre später baute EWB vier Schleusenelemente um, sodass sie seither mit einem Autokran komplett entfernt werden können. Dreimal musste bis jetzt zu dieser Notmassnahme gegriffen werden. Wäfler meint: «Die Überflutungsgefahr der Matte hat seit dieser Massnahme stark abgenommen.»

Mehr Wasser, weniger Strom

Bekanntlich dient die Matteschwelle nicht nur der Regulierung des Wasserflusses, damit die Mattebewohner keine nassen Füsse kriegen. Seit je hat das Bauwerk auch einen wirtschaftlichen Nutzen. In seiner Anfangszeit, die im Mittelalter liegt, trieb das von ihm in die Matte geleitete Aarewasser die Wassermühlen der Gewerbetreibenden an (siehe Kasten). Heute setzen die abgezweigten Wassermassen die Turbine des Flusskraftwerks Matte in Bewegung. EWB produziert damit mitten in der Stadt Strom für circa 1550 Haushalte.

«Momentan haben wir eine optimale Wassermenge», sagt Andres Wäfler. Er steht mittlerweile auf dem Vorplatz des Wasserwerks. Das Rotieren der Turbine, die sich gleich im Untergeschoss befindet, ist gut hörbar. 40000 Liter Wasser pro Sekunde schiessen in diesem Moment ins Kraftwerk, was einem Output von 800 Kilowatt Leistung entspricht. Maximal können 1160 Kilowatt herausgeholt werden. Doch solche Maximalwerte sind nur im Winter realisierbar.

Es klingt paradox, aber wenn die Aare viel Wasser führt, kann weniger Strom produziert werden. Der Grund liegt beim Gefälle. Denn es gilt: Je grösser das Gefälle, desto mehr Energie kann gewonnen werden. Beim Schwellenmätteli ist die Situation die folgende: Egal, wie viel Wasser die Aare führt – höher als 500,3 Meter über Meer darf sie im Kanal, der zum Kraftwerk führt, nicht sein. So ist es in der Konzession festgelegt. Am unteren Ende des Kraftwerks, wo das turbinierte Wasser wieder in die Aare fliesst, ist der Wasserstand im Winter niedriger und das Gefälle folglich grösser. Dreieinhalb Meter hoch kann dieses höchstens werden – im Vergleich zu einer Staumauer eine Winzigkeit.

200 Tonnen Kehricht

Am Ende der Besichtigung steht Andres Wäfler beim Rechen, an dem Unrat hängen bleibt, bevor er ins Kraftwerk fliesst. An warmen Sommertagen sind das vornehmlich Bierdosen, Picknickabfälle, Frisbees, Liegestühle, auch mal Gummiboote. EWB-Mitarbeiter können sich so jeweils einen Reim darauf machen, was weiter flussaufwärts los war. Dass es ein bemanntes Boot bis hierher schaffe, sei «höchst selten», sagt Wäfler, der seit 26 Jahren bei EWB arbeitet. Er und sein Team fischen jährlich circa 200 Tonnen Kehricht mitsamt Treibholz in der Matte aus der Aare.

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