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«Seien Sie vorsichtig, da hängen ein paar Millionen an der Wand!»

150 akkreditierte Journalisten kämpfen im Kunstmuseum um die letzten Stühle, eine Museumsmitarbeiterin rettet Albert Anker, und Nina Zimmer weckt schlafende Hunde: zu Besuch bei der Gurlitt- Medienkonferenz im Kunstmuseum Bern.

150 akkreditierte Medienvertreter aus ganz Europa und viele weitere Interessierte kämpfen im Festsaal um die letzten Stühle. Fotokameras rattern um die Wette, ein Dutzend Filmkameras sind nach vorne gerichtet, wo ein Quartett seine Reden hält: Museumsdirektorin Nina Zimmer, die Forschungsleiterin des deutschen Zentrums Kulturgutverluste, Andrea Baresel-Brand, Rein Wolfs von der Bundeskunsthalle Bonn und Marcel Brülhart.

«Wir werden oft gefragt, ob sich die Annahme des Gurlitt-Erbes gelohnt habe», sagt Marcel Brülhart zum Auftakt der Medienkonferenz. Der Vizepräsident des Kunstmuseums Bern hat die langwierigen Verhandlungen mit deutschen Behördenvertretern geführt, die letztlich zur Annahme des Gurlitt-Erbes geführt hat – nachdem der letzte Wille des 2014 verstorbenen Cornelius Gurlitt war, dass seine 1500-teilige Kunstsammlung ans Kunstmuseum Bern gehen möge. Man mache keine Kosten-Nutzen-Überlegungen, lautet jeweils die Antwort.

Endlich gibts die Bilder zu sehen: Am Mittwoch (1.11.2017) wurde die Gurlitt-Ausstellung im Berner Kunstmuseum eröffnet.
Endlich gibts die Bilder zu sehen: Am Mittwoch (1.11.2017) wurde die Gurlitt-Ausstellung im Berner Kunstmuseum eröffnet.
Christian Pfander
Die Forschungsleiterin des deutschen Zentrums Kulturgutverluste, Andrea Baresel-Brand; Vizepräsident des Kunstmuseums Bern, Marc Brühlhart; Museumsdirektorin Nina Zimmer und Rein Wolfs von der Bundeskunsthalle Bonn (v.l.) informierten am Mittwoch an einer Medienkonferenz im Berner Kunstmuseum.
Die Forschungsleiterin des deutschen Zentrums Kulturgutverluste, Andrea Baresel-Brand; Vizepräsident des Kunstmuseums Bern, Marc Brühlhart; Museumsdirektorin Nina Zimmer und Rein Wolfs von der Bundeskunsthalle Bonn (v.l.) informierten am Mittwoch an einer Medienkonferenz im Berner Kunstmuseum.
Christian Pfander
Farblithografie: «Leonie» (1923) von Otto Dix.
Farblithografie: «Leonie» (1923) von Otto Dix.
zvg/Kunstmuseum Bern
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Impressionen von der Medienkonferenz am Mittwoch. Bilder: Christian Pfander

In Sachen Aufmerksamkeit stimmt die Rechnung jedenfalls. Jetzt sind die Bilder da, ein Teil zumindest, und aufgehängt. Das Interesse ist riesig. Weil unter den Journalisten viele sprechen, murmelt an der Seite ein Simultandolmetscher die Übersetzung auf Englisch in sein Mikrofon.

Gurlitt elektrisiert. Vor allem die Biografie des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt. Der Vater von Cornelius verkaufte Bilder aus den Beständen der «entarteten Kunst». Bilder, die das Naziregime aus deutschen Museen entfernen liess, nicht, weil sie politisch waren, sondern nicht konform, weil sie eine moderne Bildsprache hatten. In der Sammlung Gurlitts, die später an Cornelius überging, gibt es auch Raubkunst – die nach gründlicher Forschung an ihre rechtmässigen Besitzer zurückgegeben werde. «Es ist keine geringe Zahl», hält Rein Wolfs fest, auch wenn es letztlich wohl nur um ein Dutzend Werke geht. Doch hinter jedem steckt Unrecht.

Ein Fotograf verbiegt sich neben den Stuhlreihen dergestalt, dass er fast das Gemälde «Kleinkinderschule auf der Kirchenfeld­brücke» touchiert. Eine Angestellte des Museums weiss dies mit dezentem Körpereinsatz zu verhindern. Albert Ankers Bild hat definitiv nichts mit dem Gurlitt-Erbe zu tun, aber wie so manches der Museumsspitzenwerke hängt es im Festsaal. «Seien Sie vorsichtig, da hängen ein paar Hundert Millionen an der Wand», sagte Brülhart lapidar am Anfang der Medienkonferenz. Trotzdem haben die Aufpasser des Museum alle Hände voll zu tun.

«Haben Sie nicht Angst, dass Sie schlafende Hunde wecken?», fragt der «Blick»-Reporter. Lange war die Angst in den Museen weit verbreitet, mit der Diskussion um Raubkunst und dem Handel würde man die Kunstszene in Verruf bringen. Nina Zimmer blickt erstaunt und antwortet: «Ich bin froh um jeden Hund, den wir geweckt haben.» Sie erläutert den Aufbau der Ausstellung (siehe Text nebenan). Ein Dia zeigt ein Werk, das ihr sehr am Herzen liegt. «Maschka Müller», gemalt von Otto Müller. Die Frisur seiner Frau Maschka ähnelt jener von Nina Zimmer, ganz eindeutig.

Der Medientross bewegt sich ins Untergeschoss, wo die Ausstellung untergebracht ist. Nina Zimmer und ihre Kolleginnen und Kollegen des Museums absolvieren einen wahren Medienmarathon. «Darf man die Bilder mit gutem Gewissen anschauen?», fragt der Mann eines Privatradios Marcel Brülhart. Ja, man darf.

Derweil schlägt sich Zimmer beim Tessiner Fernsehen ganz passabel. Heute wird sich das Ganze in Bonn wiederholen, wenn die Bundesstaatsgalerie ihre parallel laufende Gurlitt-Ausstellung lanciert. Manche Berner mögen längst Gurlitt-müde sein, aber die etwas surreale Szenerie zeigt: Das Interesse an dieser Geschichte über die deutsche Geschichte ist ungebrochen.

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