Sie öffnen ihren Landsleuten Türen

Kehrsatz

Weil es immer wieder Probleme beim Zusammenleben der Kulturen gab, engagierte die Gemeinde sogenannte Schlüsselpersonen. Darunter sind drei Personen aus Somalia und Eritrea.

Ada Tesfay, Cabdirahman Mahad Barre sowie Ayaan Mahad Barre (v.l.) helfen ihren Landsleuten bei der Integration.

Ada Tesfay, Cabdirahman Mahad Barre sowie Ayaan Mahad Barre (v.l.) helfen ihren Landsleuten bei der Integration.

(Bild: Adrian Moser)

Johannes Reichen

Ungefragt stellt der Kellner einen Kuchen auf den Tisch. Eine Pizza nur mit Knoblauch belegt, in Stücke geschnitten. Ein Donnerstagabend in Kehrsatz, am Tisch im Restaurant Brunello sitzen vier Personen, eine Somalierin, ein Somalier, eine Eritreerin, eine Schweizerin. Es riecht gut und sieht gut aus, aber es dauert eine Weile, bis jemand zugreift.

Probleme im Dorf

Die drei ausländischen Personen sind sogenannte Schlüsselpersonen. Im Auftrag der Gemeinde Kehrsatz helfen sie ihren Landsleuten bei Alltagsproblemen. Es sind die Somalierin Ayaan Mahad Barre, ihr Vater Cabdirahman Mahad Barre sowie die Eritreerin Ada Tesfay. Anwesend ist auch Therese Junker. Sie koordiniert das Projekt, das im Sommer 2018 startete.

Nun berichten die Beteiligten von ihren Erfahrungen. Es ist eine von fünf Massnahmen, die der Gemeinderat Ende 2017 beschlossen hat. Denn es war immer wieder zu Problemen beim Zusammenleben der verschiedenen Nationen gekommen. Und im Hängelen-Quartier, wo fast nur Ausländer leben, wurden unhaltbare Zustände beklagt: kaputte Wohnungen, Abfall, Streitereien.

Für Eritrea, Kosovo, Somalia und Syrien wurden bis jetzt sieben Schlüsselpersonen ausgebildet. Die Voraussetzung ist, dass die Personen gut integriert sind, gut Deutsch sprechen und mit den lokalen Begebenheiten vertraut sind. Und dass sie kommunikativ sind.

Hilfe in der Schule

Als Ada Tesfay (38) vor 19 Jahren in die Schweiz kam, hätte sie Hilfe gut gebrauchen können. «Ich erlebte einen Kulturschock.» Es sei schwierig gewesen, Kontakt zu knüpfen.» Aus Eritrea sei sie sich eine Gesellschaft gewohnt gewesen, in der man gemeinsam Entscheide getroffen und nach Lösungen gesucht habe. Hier sei das nicht üblich gewesen. «Man geht zwar zum Therapeuten, aber nicht unbedingt zu einem Nachbarn, wenn man Hilfe sucht.»

Nun lebt sie seit 7 Jahren in Kehrsatz, ihre Kinder gehen hier zur Schule, sie arbeitet als Übersetzerin. «Viele Menschen, die neu hier sind, haben Angst, weil sie die Sprache nicht können.» Da könne sie als Vermittlerin ­auftreten und diese Hilfe anbieten, ihre Erfahrungen und ihr Wissen weitergeben. Etwa auch an einem Elternabend in der Schule.

Bis jetzt leisteten die Schlüsselpersonen in Kehrsatz 24 Einsätze. Dabei ging es oft um Übersetzungen, Beratungen oder um ein «Willkommensgespräch», das die Gemeinde Neuzuzügern anbietet. Seltener ging es um ­administrative Unterstützung. Meistens kam der Auftrag von der Gemeinde. In fünfzehn Fällen handelte es sich um Eritreer, in sechs um Somalier.

«Ich musste lernen, pünktlich beim Arzt zu erscheinen.»Cabdirahman Mahad Barre, Somalier und Kehrsatzer Schlüsselperson

Vater Cabdirahman Mahad Barre (50) kam vor 30 Jahren aus Somalia in die Schweiz. «Unsere Kinder gehen hier zur Schule, ich habe Arbeit, fühle mich integriert», sagt der stellvertretende Produktionsleiter. Für ihn ist klar, dass, wenn der Arzttermin auf 9 Uhr gelegt wurde, er dann beim Arzt erscheint. «Das musste ich aber zuerst lernen.» Wie alle seine Landsleute sei er sich gewohnt gewesen, einfach hinzugehen und zu warten, bis die Reihe an ihm gewesen sei.

Unterstützung im Spital

Nicht alle seiner Landsleute brauchten Hilfe, betont er. Manche würden dafür dreimal in der Woche anrufen. Einmal habe ihn jemand wegen eines Unfalls angerufen. Ein Kind sei verunglückt. «Sie brauchten jemanden zum Übersetzen.» So habe er die Familie ins Spital begleitet. Sie wäre sonst ziemlich auf sich allein gestellt gewesen. 

Tochter Ayaan Mahad Barre (19) wurde in der Schweiz geboren, sie kennt kein anderes Leben. Zu Hause spricht sie Somali, sonst Berndeutsch. Sie ist Fachfrau Gesundheit und lässt sich zur Pflegefachfrau ausbilden. «Ich kenne Leute aus meinem Umfeld, die froh sind um solche Hilfe.» Deshalb mache sie gerne mit. In einem Fall half sie einer Frau, die gerade ein Kind bekommen hatte. «Sie war unsicher, konnte sich aber mir gegenüber öffnen.»

Für alle Probleme sind die Schlüsselpersonen nicht zuständig. Sie vermitteln keine Arbeitsstellen, die Mithilfe bei der Wohnungssuche wäre zu aufwendig. Bei gesundheitlichen oder rechtlichen Problemen werden Fachleute eingeschaltet. «Es kam schon vor, dass ich nicht weiterhelfen konnte», sagt Ayaan Mahad Barre, etwa weil professionelle Übersetzung nötig war.

Von den Problemen, die beispielsweise im Hängelen-Quartier herrschen, bekommen die Schlüsselpersonen wenig mit. Sie wohnen alle in einem anderen Dorfteil. «Man hört ab und zu etwas», sagt Tesfay. Er sei mehrmals dort gewesen, sagt Cabdirahman Mahad Barre. Da sieht er zwar Abfall herumliegen. «Das ist aber ein Quartierproblem.» Man solle nicht alle Menschen in einen Topf werfen, sagt seine Tochter. «Oft sind es Vorurteile, die man hört.»

Engagement bei Anlässen

Therese Junker ist mit dem Start sehr zufrieden. «Wir sind gut unterwegs.» Nun hofft sie auf Mundpropaganda, damit noch mehr Einwohner von dem Angebot profitierten. Auch Gemeinderätin Elisabeth Stalder-Riesen (FDP). «Wir haben von verschiedenen Institutionen sehr gute Rückmeldungen bekommen.» Besonders für die Schule und den Sozialdienst seien die Schlüsselpersonen sehr hilfreich. 

Das nächste Ziel von Junker ist es nun, dass die ausländische Bevölkerung stärker an den Anlässen im Dorf teilnimmt. «Es gibt so viele Veranstaltungen hier.» Das finden die drei eine gute Idee. Sie nehmen zwar an Anlässen teil, aber nicht besonders oft. «Am Weihnachtsmarkt war ich noch nie», sagt Ada Tesfay. Dafür bei den Festen der Schule. Das gilt auch für die Familie Mahad Barre.

Das Gespräch im Restaurant Brunello ist fertig. Am Ende bleibt noch lange ein Stück Knoblauchpizza auf dem Teller liegen. Ein Phänomen, das alle Personen am Tisch kennen. «In der Schweiz sagen wir dem Anstandshappen», sagt Therese Junker.

In Eritrea hingegen, sagt Ada Tesfay, lasse man den letzten Happen aus einem anderen Grund stehen. Es käme sonst sofort wieder Nachschub.

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