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Spektakulär ohne Spektakel

Vieles mutet unscheinbar an an diesem Montagabend im Kursaal: Ein Klavier, ein in sich gekehrter Herr, der ohne Aufhebens die Bühne betritt. Unspektakulär, wenn dieser gewisse Herr nicht Grigory Sokolov wäre.

Medienscheu: Grigory Sokolov.
Medienscheu: Grigory Sokolov.
Martin Fleck / zvg

Der russische Pianist Grigory Sokolov (67) tritt nie mit Orchester auf, verzichtet eigenwillig auf Interviews und hat auch schon Auszeichnungen abgelehnt, weil er sich auf der Gewinnerliste in unwürdiger Gesellschaft wähnte. Ein Musiker also, der sich dem Zeitgeist komplett widersetzt, in dem die Eigenvermarktung zum Job gehört wie die Musik selbst. Dennoch gilt Sokolov als einer der bedeutendsten Pianisten unserer Zeit.

Um der Musik willen

Ein zurückhaltender, aber fesselnder Eifer kommt zutage, als Sokolov in der ersten Hälfte seines Konzerts im Rahmen der Reihe Meisterzyklus zu drei Haydn-Sonaten anschlägt. Schnörkellos und agogisch sparsam, dafür aber mit technischer Perfektion führt der Solist das Publikum durch die Werke. Schon mit dem ersten Tastenanschlag verwandelt sich die Atmosphäre des Konzertsaals in einen intimen Salon, wie es zu Haydns Zeit als Aufführungskontext gängig war.

Zu verdanken ist dies nicht zuletzt Sokolovs Umgang mit seiner Position als Solist: Mit seinem behutsamen, introvertierten Auftreten vermittelt er das Gefühl, dass an diesem Abend nicht er im Mittelpunkt steht. Sondern die Musik. Dazu passt auch, dass er jeweils die Bühne schon halb verlassen hat, wenn das Publikum erst zum Applaus anhebt.

Das schummrig-gedämpfte Saallicht und die rot beleuchteten Akustikvorhänge tragen wesentlich zum intimen Hörerlebnis bei. Dieses Ambiente gehört genauso zum Programm, das Sokolov siebzigmal pro Saison in ganz Europa aufführt, wie auch das penible Nachstimmen des Flügels kurz vor dem Konzert und in der Pause. Spontanität hingegen ist nicht Sokolovs Sache. Wohlüberlegt sind die temperamentvollen Ausbrüche, perfekt geschliffen die in Verklärung entschwebenden Triller in Beethovens Klaviersonate. Modellhaft klingen auch die mehreren Zugaben, die der Solist willig gibt.

Musik von innen

Es geht an diesem Abend nicht um das Erzählen von Geschichten, es geht auch nicht um emotionale Höhenflüge. Vielmehr scheint Sokolov zeigen zu wollen, in welcher Perfektion eine Verinnerlichung der Musik aufgehen kann. Das Unspektakuläre nimmt so durchaus fesselnde, spektakuläre Dimensionen an.

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