Sperrzone

Ostwärts

Abenteuer auf zwei Rädern: Die pensionierte Journalistin Laura Fehlmann fährt mit dem Velo über 6000 Kilometer quer durch Russland.

Die ehemalige BZ-Redaktorin Laura Fehlmann ist mit ihrem Velo auf dem Weg quer durch Russland. Von Kiew an den Baikalsee sind es rund 6150 Kilometer.

Die ehemalige BZ-Redaktorin Laura Fehlmann ist mit ihrem Velo auf dem Weg quer durch Russland. Von Kiew an den Baikalsee sind es rund 6150 Kilometer.

(Bild: Raphael Moser)

Burger und ich haben die Millionenstadt Ufa per Bahn verlassen und steigen in Slatoust wieder aufs Velo. Balmer treffen wir in Jekaterinburg. Unser heutiges Ziel ist Osjorsk, von wo aus wir auf einer Nebenstrasse den Kysyltaschsee umrunden wollen in der Hoffnung, dort einen Ruhetag einlegen zu können.

Plötzlich stauen sich Autos auf der Strasse, sie werden in zwei Kolonnen jeweils zu sechst zur Kontrolle in einen Käfig eingeschlossen, der sich direkt vor unserer Nase schliesst. «Sie dürfen nicht weiter», sagt ein Mann in Militäruniform. Ich insistiere: «Warum denn nicht? Wir wollen doch nur an den See.» Da kommt der Vorgesetzte und erklärt, dass hier nur Anwohner passieren dürfen. «Hier ist eine geheime Zone.»

Wir fahren zurück und finden nach längerer Irrfahrt einen Platz zum Campieren an einem kleinen See unweit von Kyschtym, etwa 30 Kilometer von Osjorsk entfernt. Der See bietet uns Wasser zum Baden und für Kaffee. Eine Idylle.

Von Kiew an den Baikalsee: Rund 6150 Kilometer quer durch Russland. Quelle: Google Maps

Tags darauf ist es nasskalt, wir kehren in einem Gasthof mit Internetzugang ein. Ich google Osjorsk und werde fündig: Im Werk Majak, rund 7 Kilometer entfernt, haben Wissenschafter Plutonium hergestellt, für die erste russische Atombombe. 1957 explodierte ein Betontank mit hoch radioaktiver Flüssigkeit, Strontium-90 und Cäsium-137 wurden freigesetzt. Die Bevölkerung, darunter auch Kinder, trugen danach radioaktives Material ab, fast alles landete im See und im Fluss Tetscha, in dem die Leute badeten und fischten. Krebserkrankungen sind bis heute weit verbreitet. Menschenrechtsanwälte kämpfen für Entschädigungen. Bis jetzt vergeblich. Auf Youtube findet man aktuelle Filme über die Majak-Katastrophe.

Heute ist Majak eine Wiederaufbereitungsanlage für Brennstäbe und Endlager für radioaktive Abfälle. Osjorsk ist eine Sperrzone, in der an die 100 000 Menschen leben. Ganz gut, dass wir nicht hinfahren durften. Auch so waren wir sicher radioaktiver Strahlung ausgesetzt. Sorgen mache ich mir aber nicht um uns, sondern um die Menschen, die dort bleiben müssen, isoliert, krank und ohne Unterstützung.

Berner Zeitung

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