Stadt muss 300 Millionen in marode Bäder schütten

Bern

Die Stadt Bern will sämtliche Hallen- und Frei­bäder sanieren sowie den Neubau der 50-Meter-Schwimmhalle vorantreiben. Die Arbeiten dauern mindestens sieben Jahre und kosten rund 300 Millionen Franken.

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Christoph Hämmann

Zum Beispiel Marzili: Längst war der dringende Sanierungs­bedarf erkannt, als der unterste Bereich des Bads 2015 notfallmässig geschlossen werden musste. Seither versperren Gitter den «Bueber», der im nächsten Winter saniert werden soll.

Zum Beispiel Wylerbad: Der Ort, an dem Gemeinderätin Franziska Teuscher (GB) und Sportamtsleiter Christian Bigler am Montag die städtische Wasserstrategie präsentierten, war nicht zufällig gewählt.

Als Kulisse diente ein dreistöckiges Gar­de­ro­ben­gebäude; weil sich laut Bigler «das Umziehverhalten» der Leute verändert hat (man kommt bereits in Badekleidern oder zieht sich rasch auf der Wiese um), steht der grösste Teil des Gebäudes leer und zerfällt allmählich.

Die Beispiele untermauern die Hauptaussage der gemeinderät­lichen Wasserstrategie: Alle Hallen- und Freibäder sind sanie­rungs­bedürftig. Und: Wer weiterhin auf Flickwerk setzte, würde den permanenten Ausnahme­zustand mit Notsanierungen riskieren.

Um dies zu vermeiden, legt der Gemeinderat stattdessen einen ambitionierten Zeitplan vor: Bis 2023 soll die neue 50-Meter-Schwimmhalle im Neufeld gebaut sein, bis 2025 alle Bäder (sowie im Weyerli und auf der Ka-We-De die Eisfelder) saniert.

Charme und Charakter wahren

Zu­sammen mit dem auf 58 Millionen Franken geschätzten Bau der 50-Meter-Halle verschlingen die Investitionen in die städtischen Bäder rund 300 Millionen Franken. «Das ist enorm viel Geld», räumte Sportdirektorin Teuscher ein. Umso froher sei sie über die Spezialfinanzierung für Eis- und Wasseranlagen, die in den letzten Jahren mit mittlerweile 64 Millionen geäufnet worden sei.

«Jedes Freibad ist für sich ein Juwel.»Franziska Teuscher

Kein Geld wird dagegen aus der Agglomeration in die Bauarbeiten fliessen: Die Agglomerationsgemeinden beteiligen sich bereits im kantonalen Finanzausgleich über die Zentrumslasten an Berns Wasser- und Eis­anlagen und können kein zweites Mal zur Kasse gebeten werden.

Natürlich, beteuerte Teuscher, sollen die Sanierungen «so kostenbewusst wie möglich» ausfallen. Dazu passt, dass die Anlagen nicht komplett neu gestaltet werden, sondern «ihren Charakter und Charme bewahren» sollen. Die Bevölkerung liebe die städtischen Bäder, so Teuscher. «Jedes Freibad ist für sich ein Juwel.»

Gastro vom Rest trennen

Grundsätzlich sollen laut Wasserstrategie alle Bäder nachhaltig saniert werden und künftig «bedürfnisgerecht und hindernisfrei» sein. Dank zeit­gemässerer Angebote und betrieblicher Optimierungen hofft die Stadt auf einen höheren Kostendeckungsgrad der Anlagen.

Dazu beitragen soll auch der hohe Energie­effizienzstandard, der in allen Bädern angestrebt wird. «Die Wärmedämmung in den Hallen­bädern ist heute katastrophal», so Sportamtsleiter Bigler.

Aufwerten will der Gemeinderat die Gastrobetriebe in den Badeanstalten. Insbesondere sollen diese künftig über die Betriebszeiten der Bäder hinaus – und in den Freibädern auch im Winter – öffnen können.

Nur so sei es für die Betreiber möglich, «einen angemessenen Gewinn» zu erzielen, heisst es in der Strategie. Aus Sicherheits- und Haftungsgründen müsse dafür aber der Gastro­bereich von der restlichen Anlage abgetrennt werden können.

Der Wandel der Badigastronomie setzte 2017 ein, als in Frei­bädern erstmals der Verkauf von Alkohol erlaubt war. Trotzdem will die Stadt «keine Partyzonen» schaffen, die Freibäder sollen «auch zukünftig primär Sport- und Freizeitanlagen» sein.

Diese werden weiterhin nachts geschlossen; tagsüber sollen sie laut Bigler etwa dank zusätzlicher Sitzgelegenheiten und Ganzjahresgarderoben noch besser als «ganzjährig nutzbare Park­anlagen» funktionieren.

Nach der Halle die Hallenbäder

Aufgehoben werden die kleinen Saunabetriebe in den Hallen­bädern. Weil Saunagänger offenbar grosszügigere Wellnesslandschaften bevorzugen, wurden die städtischen Angebote immer weniger nachgefragt.

In den Freibädern sollen die Sanierungen teilweise gleichzeitig wie der Neubau der 50-Meter-Halle stattfinden. Bei den Hallenbädern muss die Stadt aber zuwarten, bis diese realisiert ist, weil beim gedeckten Wasser schon heute grosser Dichtestress herrscht. «Ohne 50-Meter-Halle würde die längere Schliessung eines Hallenbads ein regelrechtes Chaos auslösen», sagte Teuscher.

Marzili

Legendär: Das Marzili mit Blick aufs Bundeshaus. Bild: Urs Baumann

Im 1969 fertiggestellten Marzili müssen alle Anlagenteile dringend saniert werden: Vor dem Frei- und Flussbad hat es zu wenig Veloabstellplätze, der Eingang ist unattraktiv und logistisch unbefriedigend, das Restaurant ist veraltet sowie betrieblich und energetisch schlecht konzipiert. Es hat zu wenige Sanitäranlagen, die bestehenden sind in bedenklichem Zustand. Auch die Aareausstiege sind insbesondere für Böötler suboptimal.

Ein «Kombibecken» soll die bestehenden Bäder ersetzen. Es bietet gleich viel Wasserfläche, verbraucht aber weniger Platz und ermöglicht die Vergrösserung der heute an Spitzentagen zu knappen Liegefläche. Wenn die Gesamtsanierung des Marzili ausgearbeitet wird, soll auch die Freilegung des 1969 zugeschütteten Aare-Arms geprüft werden.

Dies könnte dem Marzili seinen ursprünglichen Inselcharakter zurückgeben und die Anlage landschaftlich aufwerten, heisst es in der Wasserstrategie. Offen ist hingegen, was dies für die Gewährleistung der Sicherheit oder die Liegefläche bedeuten würde.

Die Ruhezone am südwestlichen Ende der Anlage soll ebenso erhalten bleiben wie das Frauenabteil «Paradiesli». Für Outdoorsporttreibende (etwa Aarejogger) soll eine Ganzjahresgarderobe eingerichtet werden.

Konkret ist bereits die Sanierung des «Bueber», die im nächsten Winter über die Bühne gehen soll. Das Bauprojekt kostet voraussichtlich 5,9 Millionen Franken. Es ist kürzlich publiziert worden und liegt derzeit beim Bauinspektorat zur Ansicht auf.

Ein «Poollift» soll das «Bueberseeli» barrierefrei machen, und dank eines neuen Kanals können Aareschwimmerinnen und -schwimmer künftig direkt ins Seeli schwimmen.

Der Bereich darunter – zwischen dem Gebäude des Pontoniervereins und der Dalmazibrücke – soll so umgestaltet werden, dass ein funktionierender Böötler-Ausstieg eingerichtet werden kann. Die Biberfamilie, die im «Bueber» lebt (und an der Anlage genagt hat), soll ins Gaswerkareal umgesiedelt werden.

Weyermannshaus

Riesig: Das Freibad im Weyerli soll endlich ein dichtes Becken und eine zeitgemässe Wasseraufbereitung erhalten. Bild: Andreas Blatter

Das riesige Freibadbecken – 15 000 Quadratmeter, Europa­rekord – hat zwei Hauptprobleme: Es ist undicht und hat keine Wasseraufbereitung. Diese soll mit einer innovativen Lösung naturnah gestaltet werden, hiess es vor einigen Jahren.

Der neuste Stand: Für ein Becken dieser Grösse ist die Wasseraufbereitung «eine enorme Herausforderung» – egal mit welchem System. Auch im Weyerli soll ein grosser Teil der – teilweise denkmalgeschützten – Garderoben abgebaut, ein anderer wintertauglich gemacht werden. Auf dem Eishockeyfeld soll künftig im Sommer Beachvolley gespielt werden können.

Das Hallenbad im Weyerli soll laut Wasserstrategie nach dem Bau der 50-Meter-Schwimmhalle im Neufeld «vom Vereinssport weitgehend befreit werden». Dies eröffne mehr Möglichkeiten für das öffentliche Schwimmen und für Anpassungen an Bedürfnisse von Familien. So soll das Schwimmen durch Kletter-, Spring-, Tauch- und Balancierangebote ergänzt werden.

Bei der Gesamtsanierung von Hallenbad, Freibad und Kunsteisbahn Weyermannshaus soll geprüft werden, wie die Gastronomie neu ausgestaltet und besser auf die Nutzung als Freibad im Sommer und als Eis- und Freibadpark im Winter ausgerichtet werden kann. Zudem soll die Anlage klarer adressiert werden und einen Haupteingang für alle drei Anlagenteile erhalten.

Lorraine

Zu wenig genutzt: Das Becken im Lorrainebad soll fürs Schwimmen attraktiver werden. Bild: Andreas Blatter

Das Flussbad Lorraine ist 1892 erbaut worden und ist das älteste Bad in der Stadt Bern. Marode sind insbesondere der Aaresteg, die Sanitäranlage und die Betonbauten der Becken. Letzteres wird ohnehin nur von einigen wenigen Hartgesottenen – und von einer stattlichen Zahl Fische – genutzt.

Wie es in der Wasserstrategie heisst, ist der Wasseraustausch im Becken, das aus Grund- und Aarewasser gespeist wird, ungenügend. Nach der Sanierung soll das Schwimmbecken deutlich attraktiver sein, sagte Christian Bigler, der Leiter des städtischen Sportamts: «Vielleicht dank einer kleinen Insel, vielleicht dank eines Sprungbretts.» Die heutigen Garderoben sollen durch «zwei dezentrale Umzieh- und Sanitärzellen» ersetzt werden.

Der Flussbadcharakter soll gestärkt werden, gleichzeitig soll das Lorrainebad aber «seine Intimität beibehalten», so die Strategie. Zur angrenzenden Liegewiese, um die das Bad 2013 erweitert wurde, sowie zur Aare hin wird eine «partielle Öffnung» geprüft.

Ebenfalls zur Aufwertung des Lorrainebads beitragen könnte die Freiluftsauna, die ein privater Verein künftig im Winter betreiben möchte.

Wyler

Ganzjährig: Dank zusätzlicher Sitzbänke soll das Wylerbad auch winters als Park funktionieren. Bild: Raphael Moser

Die Medienkonferenz, an der am Montag die städtische Wasserstrategie präsentiert wurde, fand im Schatten des Garderobengebäudes des Freibads Wyler statt. Die Garderoben sind veraltet, für heutige Bedürfnisse viel zu gross und laut Stadt «sehr benutzerunfreundlich».

Im obersten Geschoss tropft es von der undichten Decke, Fenster sind eingeschlagen, ein Teil des Gebäudes ist gesperrt, ein anderer wird von der Stadt als Maschinenlager genutzt. «Im Mittelpunkt der Veränderungen steht der Rückbau der nicht mehr genutzten Garderobenteile», heisst es deshalb in der Strategie.

Der gemeinsame Eingang von Frei- und Hallenbad soll erhalten bleiben, könnte aber Richtung Osten verschoben werden, um die Anlage insbesondere für Gäste vom wachsenden Wankdorf­-City-Areal her besser zugänglich zu machen. Wie im Weyerli soll auch im Wyler das Hallenbad nach dem Bau der 50-Meter-Halle vom Vereinssport entlastet werden.

Bereits ersetzt ist im Freibad Wyler das ehemalige Lehrschwimmbecken. Abgetrennt von der übrigen Anlage, war es laut Sportamtsleiter Christian Bigler sehr schlecht genutzt worden. Vor ein paar Wochen wurde es in ein Beachvolleyballfeld umgewandelt.

Ka-We-De

Bedeutend: Ihre architektonische Qualität war einer der Gründe, die Ka-We-De zu erhalten. Bild: Andreas Blatter

Wahrzeichen der Ka-We-De im Kirchenfeldquartier ist das Wellenbad. Wie die Badwassertechnik und die Sanitäranlagen ist die Wellenbadtechnik allerdings dringend sanierungsbedürftig.

Im Vergleich mit Marzili, Weyerli und Wyler ist die Ka-We-De 3–5-mal kleiner und verzeichnet 5–10-mal weniger Eintritte: Laut Stadt einerseits, weil sie «historisch bedingt» als einziges Freibad Eintritt verlangt, andererseits, weil sie wegen des zu grossen Beckens nur über wenig Liegefläche verfügt. Letzteres wegen des Eishockeybetriebs, der jedoch von der Ka-We-De verschwinden soll.

Nach Aufgabe des Hockeyfelds werde es möglich sein, zusätzliche Liegefläche einzurichten.

Das (auch ohne Eishockeyfeld) grosse Schwimmbecken hat heute auf der ganzen Fläche die gleiche Wassertiefe – für kleinere Kinder zu tief, für Sprünge ins Wasser nicht tief genug. Dies soll bei einer Sanierung geändert werden.

Vom Tisch ist jedenfalls die Schliessung der Ka-We-De, die noch vor einigen Jahren zur Debatte stand. «Aufgrund ihrer architektonischen Qualität und ihrer historischen Bedeutung» soll sie als Familienbad erhalten bleiben, heisst es in der Wasserstrategie.

Neufeld

Mit dem Neubau einer 50-Meter-Schwimmhalle am Rand des «Sportclusters» Neufeld steht und fällt die Sanierung der Hallenbäder. Solange die Halle nicht gebaut ist, kann angesichts des Platzbedarfs kein Hallenbad für längere Zeit geschlossen werden.

Mit dem Bau der Halle wird Berns Wasserkapazität verdoppelt, zudem kann das 50-Meter-Becken mit verschiebbaren Trennbrückenteilen unterschiedlich unterteilt werden.

Das Bad soll für die ganze Bevölkerung offen sein und zusätzlich die anderen Bäder weitgehend vom Vereinssport entlasten. Für ihren Bau wird derzeit ein Wettbewerb durchgeführt. Ende Juni soll das Siegerprojekt vorgestellt werden.

Mubeeri

Ungewiss: Ob das Mubeeri ein Hallenbad bleibt, ist noch nicht entschieden. Bild: pd.

Offen ist die Zukunft des Hallenbads Mubeeri am Hirschengraben. 2011 entschied der Gemeinderat, das Bad nach dem Bau einer 50-Meter-Schwimmhalle aufzugeben, was grossen Protest auslöste. Nun sollen bis Ende Jahr «Möglichkeiten einer Neunutzung» vorliegen. Eine Idee: Private betreiben eine Sauna- und Wellnessanlage.

Berner Zeitung

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