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Wenn sie Autos traf, dann jubelte sie

Eine junge Frau wirft von einer Brücke bei Mühleberg Steine auf die Autobahn. Auch sonst hat sie es nicht so mit Autos – und auch nicht mit der Polizei. Jetzt steht sie in Bern vor Gericht.

Autobahnbrücke bei Mühleberg: Hier warf die Angeklagte Steine auf Autos.
Autobahnbrücke bei Mühleberg: Hier warf die Angeklagte Steine auf Autos.
Andreas Blatter

Wer ist diese junge Frau auf der Anklagebank? 23 Jahre alt, aus der Region Bern, Landwirtin. Sie redet mit leiser Stimme, ihre Sätze sind kurz, oft reichen ihr ein Ja oder ein Nein. Der Blick durch die Brille ist scheu, und wenn sie spricht, dann lächelt sie. Auf dem Hof arbeitet sie am liebsten mit Tieren, mit ihren Eltern kommt sie gut aus, und zweimal die Woche trainiert sie im Sportverein. Ach ja, an den Wochenenden heckt sie manchmal Streiche aus.

Es sollte wohl auch ein Streich sein, was sich vor fast genau zwei Jahren ereignete. Wenn es ein Streich war, dann ein ziemlich übler. Und deshalb sitzt sie jetzt vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland, stützt den Kopf in die Hände und sagt nicht viel.

25 Steine auf die Autobahn

An einem Juliabend 2015 setzte sich die junge Frau aufs Velo, sie wollte nach Hause fahren. Auf der Wehrstrasse bei Mühleberg, die über die A 1 führt, hielt sie allerdings an. Sie suchte Steine, stellte sich auf die Brücke, und warf die Steine auf die Autobahn. Gezielt auf die Autos, die unter ihr hindurchfuhren. Wenn sie traf, dann jubelte sie, so beobachtete es ein Zeuge. Sie jubelte mindestens dreimal.

Im Gerichtssaal trägt Gerichtspräsident Martin Müller einen schweren Sack nach vorne, darin befinden sich die Steine. 25 Klumpen, eingesammelt von der Polizei. Der Richter nimmt einen Stein aus dem Sack und zeigt ihn herum. Er ist handlich, so gross wie ein Tennisball. «Haben Sie sich dabei etwas überlegt?», fragt er. «Nicht viel», sagt sie. Langweilig sei ihr gewesen, und ja, gefährlich sei das sicher gewesen. Passiert war allerdings nichts.

Im Clinch mit der Polizei

Die Ereignisse auf der Autobahnbrücke standen allerdings am ­Anfang einer ganzen Reihe von Straftaten, welche die junge Frau beging. Am Steuer des Autos ihres Vaters lieferte sie sich eine wilde Verfolgungsjagd mit der Polizei. Sie stattete mit dem Velo einer Berner Polizeiwache einen Besuch ab, zeigte Polizisten den Mittelfinger und versuchte schliesslich zu flüchten. Später beschmierte sie eine Werbetafel der Landi: «Dreck Bullen, Scheiss Bullen, verdammte Schweine.»

Nochmals warf sie Steine auf eine Strasse – und Bierflaschen auf ein Trottoir. Einem Polizisten hinterliess sie auf dem Anruf­beantworter eine Nachricht: «Ich werde Sie töten! Scheissbullen.» Und als sie einmal bei einem Dorffest keinen Zutritt erhielt, zückte sie ein Messer. Die junge Frau brachte sogar das Kunststück fertig, dass ihr das Stras­senverkehrsamt die Berechtigung zum Velofahren entzog.

Die Frau braucht Hilfe

Es stimme alles, sagt die junge Frau. Alle Vorwürfe, die detailliert in der Anklageschrift aufgeführt werden, sie seien alle richtig. Ein grundsätzliches Problem mit Polizisten oder Autofahrern hat sie nicht. «Meistens war mir langweilig», sagt sie zu den Beweggründen. Aber das ist auch nur die halbe Wahrheit. Die Angeklagte leidet an einer «tief greifenden Entwicklungsstörung», sagt Psychiaterin Karen Fürstenau, an einer Form von Autismus.

Die Frau handle aus dem Moment heraus, ohne die Folgen zu bedenken. Allerdings könne sie erkennen, dass ihre Handlungen verboten seien. Die Persönlichkeitsstörung sei nicht behandelbar, deshalb brauche die Frau langfristige Unterstützung. Die Rückfallgefahr bezeichnet Fürstenau als «eher hoch».

Therapie im Visier

Anklage und Verteidigung sind sich denn auch einig, dass die ­Angeklagte Hilfe braucht. Beide sprechen sich dafür aus, dass die Strafe zugunsten einer ambulanten Therapie aufgeschoben wird. Beim Strafmass gehen die Meinungen auseinander. Für Staatsanwalt Cesar Lopez sind eine unbedingte Freiheitsstrafe von 30 Monaten sowie eine kleine Geldstrafe angemessen. «Es ist ein Wunder, dass es keine Verletzten oder gar Tote gegeben hat.»

Verteidiger Martin Gärtl plädiert für eine bedingte Geldstrafe von 180 Tagessätzen. Auch wenn die Steinwürfe grosses Gefährdungspotenzial hatten, seien die Taten doch keineswegs brutal gewesen. Das Urteil wird heute verkündet.

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