Steiner strampelt: Glück im Granit

BZ-Redaktor Jürg Steiner befährt mit seinem Velo die Aareroute von der Grimsel bis nach Koblenz. Erste Etappe: Oberwald (VS) - Innertkirchen.

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Jürg Steiner@Guegi

Ja, es ist wahr, man kann sich lockerere Anfänge vorstellen. Die Aareroute beginnt so richtig oben auf dem Grimselpass im Quellgebiet des Flusses, und dorthin muss man zuerst kommen. Die Postautokurse ab Meiringen oder aus dem Oberwallis würden sogar Velos mitnehmen, aber ist man noch ein richtiger Velofahrer, wenn man sich in der Sänfte über jede Mühsal hinwegtragen lässt?

Ich fuhr also mit dem Zug nach Oberwald zuhinterst im Goms, und von dort nahm ich die Grimsel in Angriff. Nicht zum ersten Mal in meinem Leben, und richtig ist auch, dass man mit der Grimsel von Süden keinen ernsthaften Velofahrer beeindruckt. Zu wenig Höhendifferenz, zu wenig steil. Aber wenn man unten in Gletsch die Serpentinenwand hochblickt, wird man doch einen kurzen Moment schwach und möchte nur eines: lieber nicht hier sein.

Es ging natürlich länger, als ich gedacht hatte, auf den 12 von der Walliser Sonntagnachmittagssonne unbarmherzig beschienenen Kilometern zur Passhöhe wurde ich von holländischen Campern, luxemburgischen Cars und gefühlsmässig sämtlichen Töfffahrern Westeuropas überholt, dazu liessen die entfesselten Oberwalliser Autotuner ihre tiefergelegten Kraftbolzen in jeder Kurve kreischen. Ja, die traditionelle Kultur des sonntäglichen Alpenpassfahren ist auch bei der jüngeren Generation noch in voller Blüte, und nie käme man auf der zugeparkten Grimselpasshöhe auf die Idee, dass je jemand das Wort Klimanotstand in den Mund genommen hätte.

Auf jeden Fall schmolz ich bereits in der ersten Stunde meiner kleinen Reise entlang der Aareroute zusammen auf die innere Substanz des Radfahrens: Man kommt nicht vom Fleck, wenn man nicht bereit ist, gegen Widerstand anzutreten, auch wenn er ganz tief drin sitzt in einem selber.

In mich gekehrt rollte ich dann plötzlich doch über den Kulminationspunkt und erblickte unter mir erstmals die Aare, zum Arbeiten als Stromproduzentin gezwungen in einer pittoresken Kaskade glitzernder Stauseen. Mein Zustand verschwitzter Demut machte mich in diesem Moment besonders empfänglich für die Kraft der abgehobelten, rauen Granitlandschaft der Grimsel, die geradezu einlädt, das Gefängnis der Vernunft zu verlassen, sich dem Sog der mit nordamerikanischer Grosszügigkeit angelegten Passstrasse hinzugeben und in den Schlund hinunterzurasen, den die Aare geduldig geformt hat.

Ich blieb brav und vorsichtig und überliess riskante Kurvenlagen meinen heimlichen Träumen. Egal. Den Ritt auf dem Fahrradsattel hinunter von der Grimsel kann ich als bewusstseinserweiternde Erfahrung vorbehaltlos weiterempfehlen - allerdings nicht unbedingt Familien mit Kindern, die Überholmanöver der Motorradfahrer lassen auf dem Velo keinen Schwenker zu.

Aber das Gefühl, es ist grandios. Im Kessel von Innertkirchen, von allen Seiten umgeben von himmelhoch aufragenden Granitwänden, fühlte ich mich nach der rauschhaften Fahrt warm und geborgen, und als ich auf dem wunderbaren Zeltplatz Aareschlucht alleine vor meinem Zelt sass und zu meinem Rad hinüberblickte, kam ich mir einen Augenblick lang vor wie ein Cowboy mit seinem Pferd, der furchtlos aufgebrochen war, ein anderes Leben zu wagen.

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