Theater-Virus ohne Verfalldatum

Die Aaretaler Volksbühne Münsingen feiert dieses Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. An ihrer Geschichte zeigt sich der Wandel des Laientheaters.

So sah es früher auf der Bühne aus: Die Aaretaler Volksbühne Münsingen im Jahr 1965.

So sah es früher auf der Bühne aus: Die Aaretaler Volksbühne Münsingen im Jahr 1965.

(Bild: PD)

Zwei bis drei Theaterinszenierungen pro Winter, die Rollen werden per Los zugeteilt, der Eintritt kostet 50 Rappen: Mit solchen Konditionen startete 1918 eine Gruppe theaterbegeisterter Leute aus Münsingen. 14 Mitglieder waren an der Gründungsversammlung des «dramatischen Vereins» anwesend, und sie gaben sich ein rigides Vereinsreglement.So musste, wer eine Probe verpasste, einen Franken in die Vereinskasse einzahlen.

Für damalige Verhältnisse war dies ein schieres Vermögen. Dafür gab es zum Abschluss der Proben jeweils Erbsensuppe mit Gnagi. Die Laiendarsteller wiederum verköstigten das Publikum mit kulturellen Darbietungen wie einer Darstellung zur Schlacht von Waterloo oder «Glaube und Heimat» von Karl Schönherr.

«Da ist natürlich auch noch ‹Hansjoggeli der Erbvetter›», ergänzt der heutige Vereinspräsident Samuel Kobel. Fünf Inszenierungen zu diesem Stück hat die Aaretaler Volksbühne Münsingen (AVB) – so heisst der Verein heute – hinter sich, und vielleicht folgt noch eine weitere.

Professionelle Regie

Nur Klassiker zeigen die Laiendarsteller jedoch nicht. Ziel sei es, durch verschiedene Regisseure Abwechslung und ­andere Spielansätze hineinzubringen, sagt Kobel. Mit diesem System reiht sich der Münsinger Verein in die Theaterlandschaft des Kanton Berns ein. Beliebte und professionelle Regisseure müssen oft Jahre zum Voraus angefragt werden.

Erfolgt eine Zusage, bestimmen die Profis bei der Stückwahl mit und schlagen manchmal auch einzelne Laienschauspieler für bestimmte Rollen vor. «Jeder baut halt an seinem Renommee», konstatiert Kobel. Den Grund sieht er in den erhöhten Anforderungen an die Qualität. Das Publikum erwarte ein Laienschauspiel auf hohem Niveau.

In Münsingen und anderswo versucht man diesem Trend gerecht zu werden. Für die Laiendarsteller bedeutet dies, sich auf einen enormen Zeitaufwand einzulassen. Viele fahren direkt von der Arbeit in die Proben, reservieren sich die Wochenenden für Intensivtrainings, und jeder kommt nach einem individuell ­gefertigten Plan zu den Proben.

Kobel ist seit 1993 Präsident des Vereins. Wenn er an seine Anfänge als Laiendarsteller denkt, schmunzelt er: «Wir kamen alle gleichzeitig zu den Proben, und die Texte sassen noch nicht richtig.»

Noch etwas hat sich in den letzten 20 Jahren stark verändert: Heute nutzen die Theaterleute modernste Technik für die Inszenierungen. Auch hierzu hat ­Kobel eine Geschichte: Als die AVB erstmals eine Leinwand im Hintergrund der Bühne aufstellte und Bilder projizierte, löste dies bei einem Teil des Publikums Entrüstung aus.

Vereinstheater verschwinden

Die starke Professionalisierung des Laientheaters verdrängt eine andere Sorte von Theateraufführungen. Turn- und Gesangsvereine verzichten zunehmend auf die Aufführung eines Theaters mit dem Zweck, ihre Vereinskasse zu füllen. Das bestätigt Adrian Kurmann, Leiter des Theaterverlags Elgg.

Sein Kundenkreis ist kleiner geworden, und er stellt eine Veränderung bei der Stückwahl fest: Reine Theatervereine wagen sich immer öfter an Geschichten, welche für Profis und grosse Bühnen geschrieben wurden. Auch Filme, welche für Bühnen umgeschrieben wurden, sind laut Kurmann beliebt.

Ganz oben in der Auswahl steht «Acht Frauen» von Robert Thomas. Im Weiteren verkauft sich «Die Herbstzeitlosen» gut, und sogar schwere Kost von Shakespeare schreckt Laiendarsteller nicht mehr ab.

Insbesondere im Gürbe- und im Aaretal ortet Kurmann eine grosse Dichte an Theatervereinen. Etwas anders sei es im Emmental. Dort seien offenbar die Chöre und Trachtengruppen noch sehr gut in der Bevölkerung verankert. Sie bestellen noch regelmässig Skripte für Aufführungen. Allgemein auf kleiner Flamme laufen laut Kurmann die Bestellungen aus dem Seeland.

Volldampf Richtung Zukunft

In Münsingen wird man wohl auch in Zukunft jährlich ein oder mehrere Skripte pro Jahr bestellen. Hier hat sich das Theatervirus bei den Darstellern hartnäckig eingenistet und wird sie wohl ein Leben lang nicht loslassen. Im Gegenteil: Jüngere Interessierte holt man mit Freude dazu und überträgt ­ihnen bereits grössere Rollen.

Im Jubiläumsjahr wird der Verein mit Hausmannskost aufwarten: «MS Switzerland» ist eine Uraufführung, geschrieben vom Münsinger Autor Hans Abplanalp. Regie führt das Vereinsmitglied Beatrice Riesen-de Zordo.

Berner Zeitung

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