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«Von Frühförderung darf man nicht zu viel erwarten»

Andrea Lanfranchi erklärt, was ein Kind braucht, um Deutsch als Zweitsprache zu lernen.

Andrea Lanfranchi leitet eine Langzeitstudie zu Frühförderung.
Andrea Lanfranchi leitet eine Langzeitstudie zu Frühförderung.
zvg

Andrea Lanfranchi, was raten Sie Eltern, deren Muttersprache nicht Deutsch ist?

Diesen Eltern rate ich – nach dem Prinzip «une personne, une langue» –, in ihrer Sprache mit dem Kind zu reden und nicht zwischen der eigenen und einer anderen hin und her zu wechseln. Dabei sollte man nicht lediglich nach Wörtern fragen: «Was ist das?», oder Befehle erteilen: «Mach das!», sondern erzählen, erklären, spielen und die Kinder in alltägliche Diskussionen einbeziehen.

Warum sind die Eltern so wichtig für die Sprachentwicklung des Kindes?

Weil sie durch die Bindung zum Kind die Basis legen für die gesamte Entwicklung. In den meisten Fällen bleiben die Mutter, der Vater oder beide während der ganzen Schulzeit die wichtigste Bezugsperson. Das kann man auch quantitativ betrachten: Ein Kind vor dem Kindergarteneintritt ist pro Woche 50 bis 100 Stunden bei den Eltern. Geht ein Kind einige Halbtage in die Kita, sind das im Verhältnis deutlich weniger Stunden, in der Spielgruppe sind es nur 5 bis 10. Man darf von einer frühen Deutschförderung langfristig nicht zu viel erwarten.

Was braucht ein Kind, wenn es Deutsch als Zweitsprache lernen muss?

Es braucht erstens die Präsenz der Eltern oder von anderen Bezugspersonen, die Zeit haben und sich Zeit nehmen. Das gilt auch für die institutionalisierte Betreuung wie in Kitas. Zweitens sind die Eltern und andere Erwachsene Vorbilder für die Kinder. Sie begleiten ihr Handeln mit der Sprache und interagieren mit dem Kind. Drittens sind auch andere Eltern und Kinder wichtig. Ein Kind aus einer Familie, die regelmässig nach draussen geht, Freunde trifft und von Nachbarinnen besucht wird, braucht keine spezielle Frühförderung.

Wann ist aus Ihrer Sicht der ideale Zeitpunkt, um mit sprachlicher Frühförderung zu beginnen?

Während der Schwangerschaft, im Ernst. Schon dann ist es wichtig, dass die künftigen Eltern mit dem Kind in Verbindung sind, durch Zuflüstern, Streicheln, Musikhören oder auch durch das Reden untereinander. Und das geht nach der Geburt weiter, auch wenn vom Kind noch keine sprachliche Antwort kommt.

Sollte auch die institutionelle Frühförderung so früh anfangen?

Ja, unser Hausbesuchsprogramm beginnt drei Monate nach der Geburt, das Berner Programm «schritt:weise» hingegen erst bei Kindern ab 1,5 Jahren. Das ist zu spät, eine Studie in Deutschland konnte bei «schritt:weise» keine langfristige Wirksamkeit nachweisen. Abgesehen davon sind die Bestrebungen in Bern aber lobenswert und zukunftsweisend. Mit dem erleichterten Zugang zu Kitas und Spielgruppen oder dem Muki-Deutsch ist «primano» ein umfassendes Massnahmenpaket.

Andrea Lanfranchi von der Hochschule für Heilpädagogik in Zürich leitet eine Langzeitstudie zu Frühförderung.

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