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Waldfrau wird heute von Schwester abgeholt

Die seit zwölf Jahren vermisste Gabriele S., die in einem Wald bei Bolligen entdeckt wurde, will nach Hause gehen. Sie trifft heute Mittwoch ihre Schwester. Mit exklusiven Fotos und Video von Gabriele S.

Gabriele S. unterhält sich mit Gemeindepräsident Rudolf Burgener.
Gabriele S. unterhält sich mit Gemeindepräsident Rudolf Burgener.
mau/ava
Gabriela S. und ihre Schwester Simone L.
Gabriela S. und ihre Schwester Simone L.
mau/ava
Mit ihrer Schwester an der Seite steigt Gabriele S. ins Auto und verlässt die Schweiz Richtung Deutschland.
Mit ihrer Schwester an der Seite steigt Gabriele S. ins Auto und verlässt die Schweiz Richtung Deutschland.
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Seit einem Jahr lebt Gabriele S. in einer einfachen Behausung in einem Wald bei Bolligen. Vergangene Woche flog ihr Versteck auf, nachdem sie von einem Wanderer gemeldet worden war. Jetzt sieht es so aus, als ob die Odyssee der 52-jährigen Deutschen beendet ist. Die Behörden erfuhren am Donnerstag davon, dass Gabriele S. im Bolliger Wald lebt. Gemeindepräsident Rudolf Burger besuchte sie tags darauf. Und warnte sie: Ihr Versteck sei nun nicht mehr vor Öffentlichkeit geschützt. Die Waldfrau habe wütend reagiert, sagt Burger. Sie glaubte, die Informationen seien durch einen Polizisten, mit dem sie Kontakt hatte, nach aussen gedrungen. «Dabei war es die deutsche Polizei, die den Fall via deutsche Medien öffentlich machte», sagt Burger. Bis gestern habe die Frau betont, sie wolle nicht zu ihrer Familie zurückkehren.

Happy End?

Am Nachmittag dann die Kehrtwende. Burger, begleitet von einer Polizistin, einem Arzt und dem Sozialdienstleiter, besuchte sie bei ihrer Waldbehausung. Er teilte ihr mit, welcher Rummel seit seinem letzten Besuch um ihre Person entstanden ist. Und sagte ihr, dass ihre Familie sie gerne sehen würde. Die überraschende Antwort:?Sie habe nichts dagegen, wenn ihre jüngere Schwester Simone L. sie abholen würde.

Gestern Nacht machte sich L. unverzüglich mit ihrem Mann im Auto auf den Weg nach Bolligen. Kurz vor der Abfahrt konnte diese Zeitung mit ihr sprechen. «Ich freue mich, meine Schwester nach zwölf Jahren wieder zu sehen. Mit jedem Jahr habe ich die Hoffnung verloren, dass sie noch lebt.» L. will es ihrer Schwester überlassen, ob diese den Kontakt zur Familie pflegen will. «Ich gebe ihr meine Adresse, sie kann sich jederzeit bei mir melden. Man kann niemanden zu etwas zwingen», so die Schwester vorsichtig. Ob es ein «Happy End» gibt, wie sich Burger ausdrückt, wird sich zeigen. Er ist dabei, wenn sich sie beiden heute wiedersehen.

Gegenüber TeleBärn sagte Gabriele S., sie werde vielleicht weiterhin in einem Wald leben, selbst wenn sie nach Deutschland zurückkehre. Ihr Vater sei Förster gewesen. Auch ihre wohl letzte Nacht in Bolligen wollte sie draussen verbringen, obwohl ihr die Gemeinde ein Dach über dem Kopf angeboten hat. Sie werde auch diese paar Stunden im Wald noch unbeschadet überstehen, habe sie gesagt.

Von Kindern entdeckt

Trotz des kalten Winters konnte sich Gabriele S. in ihrer einfachen Behausung aus Planen und einem Regenschirm genügend warm halten. Gestern trug sie eine wattierte Jacke, Laufschuhe und ein gehäkeltes Käppi, aus welchem ihre grauen Haare durchschimmerten. Wovon sie in der langen Zeit gelebt hat, wollte sie nicht sagen. Rudolf Burger vermutet, dass sie sich von abgelaufenen Lebensmitteln ernährte. Im Dorf gibt es Menschen, die Gabriele S. bei ihren Ausflügen in die Zivilisation gesehen haben.

So Manfred Klugger, der mit seiner Familie in der Nähe des Waldstücks wohnt. Er kennt die Waldfrau, wie die Familie S. nennt. «Wir sehen regelmässig, wie sie zu Fuss in Richtung Ittigen geht», so Klugger. Deshalb habe er geglaubt, dass S. in einem Obdachlosenasyl unterkomme und von der Fürsorge lebe. Er habe sie nicht unterstützt und auch von niemandem gehört, der dies getan habe. «Vor einem halben Jahr haben meine Kinder im Wald gespielt und dabei die Frau entdeckt», sagt Klugger. Weil sich die Kinder so erschreckt hätten, sei er nachschauen gegangen. Er fand S. im Dickicht, das sie mit einem provisorischen Holzdach und einer Plane gedeckt hatte. Die Frau sei aus ihrer Behausung gekrochen und habe sich mit ihm unterhalten. «Sie war klar und freundlich, aber etwas eigenartig.»

Durch Europa geirrt

Belzig, eine Stadt mit 11500 Einwohnern, liegt im deutschen Bundesland Brandenburg. Dort lebte Gabriele S. bis 1997. Sie ist geschieden, ihre Tochter und ihr Sohn sind volljährig. Seit der Wende ist S. arbeitslos. Davor hat sie in einem Tanklager der russischen Armee gearbeitet. An einem Tag im Februar 1997 beschliesst die damals 40-Jährige, wegzugehen. «Niemand hat die Frau beobachtet», sagt Thorsten Ringel, Pressesprecher der zuständigen Polizeidienststelle in Brandenburg an der Havel. Überhaupt hat S. sehr zurückgezogen gelebt. «Sie wurde uns als ruhig, aber nervlich labil beschrieben», so Ringel. Einen Abschiedsbrief gibt es nicht. Auch habe die Frau ihr Verschwinden nicht angekündigt.

In den letzten zwölf Jahren irrte S. durch Europa. Sie soll in Frankreich, Italien, Österreich und eben in der Schweiz Station gemacht haben. Sie war ohne Geld und bis vor kurzem ohne Spuren zu hinterlassen unterwegs. Die Gründe für ihre Flucht liegen im Dunkeln.

«Mutter ist erleichtert»

Ihre Mutter hat Gabriele S. damals als vermisst gemeldet. Die polizeilichen Ermittlungen hätten sich darauf konzentriert, abzuklären, ob ein Verbrechen vorliege. Doch sowohl die Befragung des Umfeldes der Frau als auch die Öffentlichkeitsfahndung blieben ergebnislos. Mittlerweile hat die deutsche Polizei die über 70-jährige Mutter von S. darüber informiert, dass ihre Tochter wohlauf ist und in der Schweiz lebt. «Sie war sehr erleichtert», so Ringel. Volljährige Personen dürften sich aufhalten, wo sie wollen. «Falls sie den Kontakt zu ihrer Familie nicht wünscht, dann müssen wir das respektieren», so Ringel.

Dem pflichtet Hannelore Klabunde bei. Die Bürgermeisterin von Belzig freut sich darüber, dass S. wohlauf ist, findet aber, man solle die Frau in Ruhe lassen. «Sie hat sich offensichtlich für dieses Leben entschieden.»

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Medienansturm bei Gemeindepräsident Burger

Medien aus dem In- und Ausland wollten ihn wegen der Waldfrau sprechen: Bolligens Gemeindepräsidenten Rudolf Burger.

Sein Büro liegt im 1.Stock. Von hier aus regiert Rudolf Burger Bolligen. Und zwar erst seit dem 1.Januar. Eigentlich wollte er die ersten Wochen mit dem Aktenstudium verbringen. Und dann vielleicht eine Medienkonferenz «100 Tage im Amt» geben.

Doch gestern standen die Medien bei ihm Schlange:?vor Ort, telefonisch, per Mail. Eine irische Radiostation, der TV-Sender RTL, das Renommierblatt «Süddeutsche Zeitung», deutsche Regionalzeitungen sowie Schweizer Radio- und TV-Stationen, Print- und Onlinemedien, von denen er «nicht mal wusste, dass es sie gibt». Alle wollten News zur Bolliger Waldfrau.

Burger ist selber Journalist, das Bolliger Gemeindepräsidium bekleidet er im Halbamt. In Krawatte und Anzug gab er seinen Berufskollegen Auskunft. Die Verwaltungsangestellten lotsten sämtliche Medienleute zu ihm. Und nur zu ihm. Auch Sozialdienstleiter Philippe Triponez, der mit der Waldfrau zu tun hatte, verwies auf den Chef.

Burgers Telefon klingelte ständig. «Jetzt muss ich los», sagte er am Mittag. Er musste sich noch umziehen. Seine Kleider und Schuhe waren nicht winterfest. Zusammen mit Vertretern verschiedener Behörden besuchte er am Nachmittag die Waldfrau. Um sie zu informieren, welcher Medienrummel um sie entstanden ist (siehe oben).

Dann, am Abend, war Burger etwas heiser vom vielen Reden. «Ich glaube, ich habe das gut gemacht», sagte er selbstbewusst. Der Tag war stressig, aber Rudolf Burger hat ihn genossen. «So etwas Spannendes werde ich vielleicht in meiner ganzen Amtszeit nicht mehr erleben», konstatierte er nüchtern.

Heute geht es weiter. Rudolf Burger wird nochmals im Rampenlicht stehen. Er hat wegen der Waldfrau eine Medienkonferenz angekündigt. Die Aufmerksamkeit seiner Berufskollegen hat er auf sicher. kle

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