Weit weniger ästhetisch als Le Corbusier

Goldiger Schnitt ja, aber nicht allergoldigste Schritte: Der Tanzhommage an den Architekten Le Corbusier fehlt es an Sinnlichkeit.

Wenig Platz für den Menschen: Das Ensemble tanzt in einem immer kleiner werdenden Lichtrechteck.

Wenig Platz für den Menschen: Das Ensemble tanzt in einem immer kleiner werdenden Lichtrechteck.

(Bild: Philipp Zinniker)

Michael Feller@mikefelloni

«Über Musik zu schreiben, ist in etwa wie über Architektur zu tanzen», sagte einst Frank Zappa. Herausforderung angenommen: Das Tanzensemble von Konzert Theater Bern würdigte am Samstag einen Architekten und Gesamtkünstler: «Le Corbusier». Aller guten Ansätze zum Trotz: Des Musikers Gleichnis wurde nur bedingt widerlegt.

Le Corbusier (1887–1965) war selbst nicht nur Schöpfer von Sofas, Häusern und ganzen Städten, er schuf auch Skulpturen, Gedichte – und Bonmots. «Mit einem Mal greift es mir ans Herz, tut mir wohl, ich bin glücklich, ich sage: Das ist schön. Das ist Architektur. Die Kunst ist anwesend.»

2 Meter 26

In der Vidmar 1 ist zunächst die kühle Berechnung anwesend. Der goldene Schnitt und Le Corbusiers Idee von Idealmassen sind im Gestänge im Bühnenbild von Till Kuhnert gezeigt. Die Decke ist in 2 Metern 26 angedeutet. Wenn der durchschnittliche Westeuropäer seine Hand in die Höhe streckt, reicht sie so hoch. Es war die vom Architekten postulierte Raumhöhe.

Darunter tanzt das Ensemble in einem stets kleiner werdenden Lichtrechteck. Eine wiederkehrende Kritik an Corbusier war, dass er in seinen Häusern den Menschen zu wenig Platz zumass. Yu-Min Yang, seit 2010 Tänzer der Tanzcompagnie von Konzert Theater Bern, hat seine erste abendfüllende, sprich 60-minütige, Choreografie geschaffen.

Letztes Jahr gewann er den Berner Tanzpreis und wurde deshalb mit der Hommage an den Architekten aus La Chaux-de-Fonds betraut. Er bezieht sich nach Programmheft in sieben Abschnitten auf sieben Kapitel aus Corbusiers «Le poème de l’angle droit» («Das Gedicht vom rechten Winkel»).

Leider will er zu viel. Immer wieder hat man das Gefühl, Yang wolle eine Geschichte erzählen, die sich einem aber nicht erschliesst.

Um es mit Le ­Corbusier zu sagen: Der Tanz greift nicht ans Herz.

Gute Ansätze sind da. Wenn sich zuerst zwei Tänzer und dann zwei Tänzerinnen duellieren und ihre Schritte an den brasilianischen Kampftanz Capoeira erinnern, ist das ästhetisch ansprechend und originell: Das Sinnliche kämpft gegen das Sachliche, ein essenzielles Problem der Architektur.

Besonders Marieke Monquil und, wie immer, Wins­ton Ricardo Arnon schaut man gerne zu. Erfreulich die Musik: Der 26-jährige Philipp Eltz, studierter Jurist und Klangkünstler, komponierte zum Stück Elek­trosound, der sich glaubwürdig an den visionären, modernistischen Ideen von Le Corbusier orientiert.

Nicht ans Herz

Weniger überzeugend ist, um wieder auf den Tanz zu kommen, die Choreografie, wenn sich alle 12 Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne in wahren Wimmelbildern verlieren. Insgesamt liegt die Krux, um es mit Corbusier zu sagen, aber darin, dass uns die Tanzcompagnie nicht ans Herz greift. Zuerst wirkt alles nervös und am Schluss langfädig. Das Sinnliche dringt nicht durch.

Weitere Vorstellungen: bis 30. Juni, Vidmar 1, Liebefeld. www.konzerttheaterbern.ch.

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