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Wenn die Stadt Bern zum Spielbrett der Kinder wird

Über 300 Jugendliche haben am Freitag die Strassen und Häuser Berns als riesiges Spielbrett genutzt. Sie sammelten Punkte und wurden so fürs Thema Migration sensibilisiert.

Posten Nummer 33: Chiara, Dilay und Nico (von vorne nach hinten) lernen, woher die meisten Flüchtlinge in die Schweiz kommen.
Posten Nummer 33: Chiara, Dilay und Nico (von vorne nach hinten) lernen, woher die meisten Flüchtlinge in die Schweiz kommen.
Urs Baumann

Die Auswahl an möglichen Posten ist riesig: 49 Namen stehen auf einer Liste, von Bleiberecht für alle bis zum African Barber Shop («Your hair is the soul of your beauty»). Ein politischer Flüchtling aus dem Iran gibt ebenso Auskunft wie das Bundesamt für Migration; Radio Rabe referiert über Lust auf andere Kulturen, und ein Vietnamese erzählt von Bootfahrern in seiner Heimat.

Für Nico, Dilay und Chiara ist der Inhalt jedoch sekundär: Sie möchten möglichst schnell Posten abhaken, um die fiktive Spielwährung «Ethnos» anzuhäufen. Für jeden Posten, der jeweils mit einem Quiz, Rollenspiel oder einer ähnliche Aufgabe gelöst wird, bekommen sie solche Punkte gutgeschrieben. Diejenige Klasse aus den vier Schulhäusern Manuel, Bethlehemacker, Wankdorf und Kehrsatz, die am meisten Geld sammelt, gewinnt das Spiel.

Fussball und Rassismus

Der Ehrgeiz von Chiara, Nico und Dilay gebietet ihnen, die kürzesten Strecken zwischen den Posten zu wählen. Lediglich Posten Nummer 31 an der Beundenfeldstrasse steuert Nico bewusst an: Der Verein Halbzeit. «Das ist ja Fussball», entfährt es ihm, ehe er Chiara und Dilay am Bahnhof in das 9er-Tram schleust. Vor Ort zeigt Simon Flückiger vom Vorstand den Kindern das YB-Trikot aus dem Jahr 1996, als der Schriftzug «Gemeinsam gegen Rassismus» auf der Brust prangte. «Damit wollten wir gegen rassistische Hooligans vorgehen, die dunkelhäutige Spieler ausgebuht und sogar mit Bananen beworfen haben», erzählt er.

Insgesamt macht der Posten Nummer 3 am Viktoriaplatz den Kindern deutlich am meisten Spass: Sie müssen innerhalb von zehn Minuten eine Person aus einem anderen Kulturkreis finden, die ihnen die dortige Begrüssung beibringt. Obwohl einige Passanten schlecht gelaunt und wortkarg an den Kindern vorbeischreiten, finden sie in einer Italienerin die Erlösung: «Ciao!» sagen die drei stolz, und bekommen am Stand sofort ihre «Ethnos» gutgeschrieben. Am wenigsten Spass macht ihnen im Gegenzug der Posten Nummer 33: die kirchliche Kontaktstelle für Flüchtlingsfragen an der Effingerstrasse. «Dafür haben wir hier am meisten gelernt», gibt Chiara zu. Es erstaunt, wie viel die drei bereits wissen: Sie haben von den Flüchtlingsströmen aus Syrien und Libyen gehört, können Somalia auf einer Weltkarte orten. 70000 Flüchtlinge gebe es zurzeit in der Schweiz, erfahren sie. Die Flüchtlingsproblematik ist für die drei aktuell – viele Kinder aus ihrer Klasse haben einen Migrationshintergrund, bei Dilay sind lediglich 6 von 15 Kindern schweizerisch. «Wir haben eine Kurdin in der Klasse, die aus der Türkei geflohen ist», erzählt sie.

Den Kindern ist nicht nur die Offenheit und Selbstverständlichkeit bezüglich anderen Kulturen gemein. Sie teilen auch eine Abneigung gegenüber der SVP, die in selbstgebastelten Plakaten auf dem Waisenhausplatz deutlich zum Vorschein kommt: «Stoppt die SVP», «Farben sind kein Thema», «Nicht alle Ausländer sind Terroristen», «SVP gehört weg», steht mit schwarzem Filzstift gekritzelt.

«Besser als Schule!»

«Das Ziel von Ethnopoly ist es, das Bewusstsein der Kinder zu stärken: Was bedeutet Migration?», erklärt Elisabeth Schubiger vom Kommunikationsteam der Organisatoren Ethnopoly Bern. So seien den meisten Kindern lediglich die Stichworte «SVP» und «Asylanten» bekannt, Kenntnisse von dahinterliegenden Strukturen und Vorurteilen jedoch weniger. Die Sensibilisierung für andere Kulturen geschieht mit Ethnopoly spielerisch – die beste Voraussetzung, um unterbewusst zu lernen. So ziehen auch Nico, Chiara und Dilay am Schluss einstimmig das Fazit: «Besser als Schule!»

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