Wenn Freunde zu Rivalen werden

Das heutige Duell zwischen Portugal und Spanien wird für Francisco Aragão und Antonio Calvo zur Belastungsprobe. Der Portugiese und der Spanier aus Bern sind seit Jahren befreundet.

Mehr Handshake als Armdrücken: Francisco Aragão und Antonio Calvo wünschen sich nichts Böses.

Mehr Handshake als Armdrücken: Francisco Aragão und Antonio Calvo wünschen sich nichts Böses.

(Bild: Christian Pfander)

Christoph Albrecht

Es ist mehr als ein Gruppenspiel, das heute Abend im russischen Sotschi über die Bühne geht. Es ist ein Duell zweier Fussballgiganten, zweier Nachbarn, zweier Erzrivalen. Und es ist bereits am zweiten WM-Tag der erste grosse Knüller: Portugal gegen Spanien. Hier der amtierende Europameister mit Superstar Cristiano Ronaldo, da der Weltmeister von 2010 mit seinem neuen Mix aus Routiniers und jungen Talenten.

Das Spiel wird jeden Fussballfan in seinen Bann ziehen. In Russland. In Portugal und Spanien sowieso. Und in Bern, wo viele portugiesische und spanische Einwanderer leben. Zwei von ihnen sind Francisco Aragão und Antonio Calvo. Der 55-jährige Portugiese und der 42-jährige Spanier sind seit fast zwei Jahrzehnten befreundet, treffen sich regelmässig zu einem Glas Wein oder schauen zusammen Fussball. Wenn nicht gerade die Berner Young Boys oder Benfica Lissabon spielen, fiebert der Portugiese Aragão sogar mit Calvos Herzensverein Real Madrid mit.

Ungeliebtes Duell

Heute Abend wird das anders sein. Da unterstützen die beiden in erster Linie ihre eigenen Farben. «Die Spanier mochte ich ­sowieso nie – nur die Spanierinnen», scherzt Aragão. Es sind solche Sprüche, mit denen sich die Freunde in den letzten Tagen oft eingedeckt haben. Sie verdeut­lichen die Rivalität, die eigentlich aber eine unfreiwillige ist. «Ganz ehrlich», sagt Aragão, «als ich erfuhr, dass wir Spanien in der Gruppe haben, hörte ich das nicht gern.» Nicht weil das einen harten Brocken bedeute. Sondern weil der grosse Rivale eben auch wie ein grosser Bruder sei. «Wir haben es alle gut miteinander.»

«Als ich erfuhr, dass wir Spanien in der Gruppe haben, hörte ich das nicht gern.»Francisco Aragão, Portugiese

Ähnlich tönt das bei Calvo. Beim Spanier kommt ein weiterer Clinch dazu. «Meine Frau ist Portugiesin», sagt er. Er hoffe deshalb bei aller Liebe zur Furia Roja, wie die spanische Auswahl genannt wird, auch ein bisschen auf ein Unentschieden.

Portugal-Wein in Spanien-Beiz

Wie auch immer das Aufeinandertreffen ausgeht: Das Spiel werden sich die Freunde gemeinsam anschauen – bei spanischem Essen und portugiesischem Wein. Kein Wunder: Durch die Gastronomie haben sich die beiden schliesslich kennen gelernt. 1982 wanderte Francisco Aragão aus der südportugiesischen Region Alentejo nach Bern aus, heuerte beim damaligen Restaurant Schlüssel in Ostermundigen als Tellerwäscher an und krampfte sich hoch. Seit bald 30 Jahren führt er nun den portugiesischen Wein- und Spezialitätenladen Casa Lusitania in der Lorraine mit elf Angestellten.

Antonio Calvo seinerseits kam vor 27 Jahren als damals 15-Jähriger mit seiner Familie aus dem galizischen La Coruña in die Schweiz und arbeitet heute in der Baubranche. Daneben führt der Bümplizer die Casa de España in Freiburg. Im spanischen Restaurant und Iberer-Treffpunkt tischt er Klassiker wie Paella, Tortilla und Chorizo auf – und eben auch Aragãos portugiesische Tropfen. «Aus dem Geschäftlichen wurde irgendwann eine Freundschaft», so Calvo.

Ein «huere Theater»

Die Gemütslage vor dem grossen Spiel ist nicht bei beiden gleich. «Nervös» sei er, sagt Antonio Calvo mit Akzent. Umso mehr nach den Geschehnissen von vorgestern. Da feuerte der spanische Verband einen Tag vor WM-Beginn den Trainer. Dies, nachdem rausgekommen war, dass dieser bei Real Madrid unterschrieben hat. Ein «huere Theater» findet Calvo das Ganze.

Da ist es für ihn auch kein Trost, dass der hurtig einberufene Interimscoach Fernando Hierro heisst und eine Real-Legende ist. «Das führt nur noch zu mehr Diskussionen, weil die Leute jetzt denken, dass die Madrid-Spieler bevorzugt werden.» Abgesehen davon bleibe viel zu wenig Zeit für den neuen Trainer, sich seriös vorzubereiten. «Schlimm ist das.»

«Ein bisschen hoffe ich auf ein Unentschieden.»Antonio Calvo, Spanier

Und was sagt der Portugiese dazu? Hofft er nun insgeheim, dass die Spanier geschwächt sind? «Nein», sagt Francisco Aragão. «Ich wünsche mir ja schliesslich, dass neben Portugal auch Spanien weiterkommt.»

Noch scheinen die beiden ihre Freundschaft nicht schon in der Vorrunde aufs Spiel setzen zu wollen. Allerdings: Bei dieser WM könnten Portugal und Spanien unter Umständen noch einmal aufeinandertreffen – im Final. Spätestens dann dürfte aus dem Handshake ein Armdrücken werden.

WM-Serie: 32 Nationen messen sich derzeit in Russland. Wir stellen während des Turniers regelmässig Fussballfans aus WM-Teilnehmerländern vor, die in der Region leben und mit ihren Farben mitfiebern.

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