Wie ein Dorf seinen neuen Präsi wählt

Arni

Die Lokalpolitik hats schwer. Immer weniger Menschen sind bereit, Milizarbeit zu leisten – oder schon nur an der Gemeindeversammlung aufzukreuzen. Das kleine Arni aber hat am Samstag bewiesen: Es geht anders.

Simon Hertig ist neuer Gemeindepräsident von Arni.

Simon Hertig ist neuer Gemeindepräsident von Arni.

(Bild: Manuel Zingg)

Cedric Fröhlich@cedricfroehlich

Als sich Kurt Rothenbühler erhebt, sieht er sich einem vollen Saal gegenüber. Es ist Samstag, 13 Uhr, Gemeindeversammlung in Arni, 925 Einwohner, und es ist das letzte Mal, dass «Kürtu», wie sich der Mann beim ersten Händeschütteln vorstellt, vor seinen Leuten steht. Rothenbühler ist seit zwölf Jahren Präsident der Gemeinde, sitzt seit 1999 im Arner Gemeinderat und tritt Ende Jahr, zwölf Monate bevor seine Amtszeit endet, zurück. Heute soll der Saal vor ihm seinen Nachfolger bestimmen.

Die Gemeindeversammlung findet im Rössli statt, einer Beiz an einer Landstrasse. Es ist eng und die Luft schon zu Beginn leicht stickig. Die Menschen sitzen Schulter an Schulter, und auf den Tischen steht Adelbodner Mineralwasser – grün und blau. «Ich stelle fest, 124 stimmberechtigte Arnerinnen und Arner sind anwesend.»

Rothenbühler trägt ein dunkelblaues Hemd, und er ist ausgezeichnet aufgelegt. «Schön», sagt eine Frau irgendwo im Saal. «Schön», sagt der Präsident. Die Arme auf dem Rednerpult aufgestützt, erteilt er seinem Gemeinderatskollegen das Wort. Vor der Wahl geht es ums Budget fürs kommende Jahr. Ein Hellraumprojektor beamt Zahlen und komplizierte Worte auf eine Leinwand.

Das Fundament bröckelt

Zum Wesen einer Gemeindeversammlung gehört es, dass man sich immer auch ein Stück weit durchkämpfen muss. Lokalpolitik ist harter Stoff und so eine Versammlung nicht der Ort, an dem die grossen Debatten unserer Zeit geführt werden. Strassensanierungen statt Klima, Ortsreglement statt Asylgesetz – darauf haben immer weniger Leute Lust.

Viele Gemeinden tun sich zugleich schwer damit, ihre politischen Behörden zu bestellen. Ein Milizamt ist mit viel Verantwortung verbunden. Man opfert seine Freizeit, kriegt für sein Engagement praktisch kein Geld, höchstens mal einen Klaps auf die Schulter, und bekommt öfter einen blöden Spruch im Coop zu hören. All das führt dazu, dass die Partizipation, auf der das direktdemokratische System dieses Landes fusst, bröckelt.

Fiktive Gemeinderatssitzung

Deshalb hat der Schweizerische Gemeindeverband 2019 zum Jahr der Milizarbeit erklärt, ganz offiziell. Viele Dörfer haben in den vergangenen Monaten versucht, auf die Risse im Fundament unserer Grundordnung aufmerksam zu machen. Auch Arni. Zumal die Leute gewusst haben, dass ihr Präsident Ende Jahr abtreten würde.

Also haben sie im September eine Gemeindenacht veranstaltet. Besucherinnen und Besucher konnten an einer fiktiven Gemeinderatssitzung teilnehmen, die Türen der Verwaltung standen ihnen einen Abend lang offen. Die Leute sollten quasi mit der direkten Demokratie angefixt werden. 124 Leute beweisen: Es hat ganz gut geklappt.

«Ich will für euch da sein.»Simon Hertig, neuer Gemeindepräsident

Die Leute schweigen, ab und zu ein Räuspern, der Beamer summt. Nach einer halben Stunde ist die Sache durch, und die Anwesenden wissen, dass ihre Steuerrechnung voraussichtlich im übernächsten Jahr etwas höher ausfallen wird.

Ein Überraschungsmann

Der Aufmarsch an der Versammlung ist die eine Sache. Die andere? Es gibt eine echte Wahl. Drei Kandidaten bewerben sich auf die Nachfolge von Kurt Rothenbühler: Studer Peter, seit sieben Jahren im Rat, ein massiver Mann, Vizepräsident. «I bi parat für das, wo chunnt.» Hertig Simon, Bart, hat Zeit – sein Sohn führt jetzt den Hof. «Ich will für euch da sein.» Studer und Hertig haben sich schon vor einiger Zeit zur Verfügung gestellt.

Im hinteren Teil des Saals erhebt sich ein Mann. Er nominiert Kandidat Nummer 3: seinen Tischnachbarn. Liechti Simon heisst der Überraschungsmann. Er trägt ein blaues Hemd, die SVP schlägt ihn zur Wahl vor – er könnte den anderen also gefährlich werden. Vorne blickt Rothenbühler jetzt ernst, überhaupt kann der Mann ebenso staatsmännisch. Er hätte wohl auch auf grösseren Politbühnen hervorragend funktioniert.

Vor dem ersten Wahlgang erklärt Rothenbühler das Prozedere. Absolutes Mehr: 59 Stimmen. Wenns keiner schafft, «fuulet» der mit den wenigsten Stimmen raus. Grüne Stimmzettel werden verteilt. Die Frau vom Wahlbüro schiebt sich mit einer Kartonschachtel durch den Raum und sammelt die Zettel, auf denen nun Studer, Hertig oder Liechti steht, wieder ein.

Um 13.55 Uhr steht das Ergebnis fest. Studer 41, Hertig 39, Liechti 36 – offenbar gab es Enthaltungen. Die spontane Kandidatur des jungen Landwirts Liechti ist knapp gescheitert. Das absolute Mehr hat keiner erreicht.

Neuer Präsi, neuer Rat

Dasselbe noch mal. Um 14.10 Uhr verkündet Rothenbühler: «Gewählt ist… Simon Hertig mit 61 Stimmen.» Applaus, auch von Studer. Hertig bedankt sich fürs Vertrauen, bei Problemen könne man ihn anrufen. Und ein grosses Risiko sei man ja nicht eingegangen – in einem Jahr finden Gesamterneuerungswahlen statt.

Von da an geht es schnell. Einen Gemeinderat gilt es zu ersetzen – den gewissenhaften Mann, der die Leute zuvor durchs trockene Budget geführt hat. Martin Stettler heisst er, er verabschiedet sich mit feuchten Augen und bedankt sich bescheiden für die lehrreiche Zeit. Rothenbühler überreicht ihm einen Gutschein und zwei Flaschen Wein. Den Posten übernimmt ein Mann, der seit Jahrzehnten in der Gemeinde lebt und in der Autobranche arbeitet: Daniel Hirschi. Er war der einzige Kandidat für den freien Sitz.

Nach gut zwei Stunden ist die Gemeindeversammlung zu Ende. Die Arnerinnen und Arner haben ihr Budget verabschiedet und neue Leute in die Gemeindeexekutive gewählt, 260'000 Franken für neue Toiletten in der Schulanlage gesprochen und Jungbürgerinnen beklatscht. Mehr als das. Sie haben an diesem Nachmittag gezeigt, was so eine Versammlung eben auch bieten kann: Spannung, Mitsprache, Demokratie.

Und Kurt Rothenbühler? Der hat sich ein Skiabo und neue Bretter gekauft.

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