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Wie Lydia Heimberg Geschichte schrieb

Erinnerungen weitergeben, das ist Lydia Heimbergs grosser Wunsch. Mit dem Schreibprojekt Edition Unik hat die Rentnerin einen Weg gefunden, ihr Leben festzuhalten.

Lydia Heimberg und das Buch ihres Lebens: Die 76-Jährige hat ihre Erinnerungen aufgeschrieben.
Lydia Heimberg und das Buch ihres Lebens: Die 76-Jährige hat ihre Erinnerungen aufgeschrieben.
Raphael Moser

«15 Minuten! Das muss alles in 15 Minuten passen. Wie soll das bloss gehen?» – 15 Minuten hat Lydia Heimberg Zeit, wenn sie am Mittwoch im Berner Generationenhaus aus ihrem Buch «You’re not normal, anyway, says Fred!» liest. Was sie in dieser viel zu kurzen Viertelstunde aus ihrem Leben erzählen soll, macht der 76-Jährigen Sorgen.

«Ich muss mich einschränken.» Nicht einfach für Lydia Heimberg, die, wenn sie zu erzählen beginnt, mit jedem Satz eine neue Erinnerung anschneidet: wie sie als Kind auf den Birnbaum vor dem Haus geklettert ist, wenn sie allein sein wollte; wie sie im Alter von 15 Jahren aus dem simmentalischen Oberwil nach Bern zog, um die Höhere Mädchenschule Marzili zu besuchen; wie sie wegen ihres dringenden Kinderwunsches mit 26 «den attraktivsten meiner drei damaligen engeren Freunde» heiratete.

Und wie sie neun Jahre später, als Mutter von zwei kleinen Söh­nen, den Ehemann wieder verliess, als dieser ihr verbieten wollte, nach ihrer Zweitausbildung als Erwachsenenbildnerin zu arbeiten.

Erzählen, auch wenns wehtut

Lydia Heimberg ist keine Schriftstellerin, trotzdem hat sie ein Buch geschrieben. Wie es dazu kam, davon erzählt diese Geschichte. Wenn Lydia Heimberg in Erinnerungen kramt, lässt sie auch diejenigen nicht aus, die wehtun.

«Meine Ehrlichkeit ist auch mein Problem.» Vor allem ihrem älteren Sohn wurde dies zu viel: «Er sagte mir, dass ich mich ihm gegenüber mit Geschichten von früher zurückhalten solle.»

Heimberg akzeptiert diesen Wunsch. Trotzdem hat sie das Bedürfnis, ihre Lebensgeschichte weiterzugeben: «Ich möchte, dass unsere Geschichte da ist, wenn sich meine Söhne oder Grosstöchter irgendwann dafür interessieren sollten.» Im vergangenen Frühling hat Lydia Heimberg einen Weg gefunden, wie sich die Bedürfnisse beider Parteien vereinbaren lassen.

Das Resultat liegt in einem hellblauen Leineneinband auf dem Wohnzimmertisch im Liebefeld. «You’re not normal, any­way, says Fred!», 199 Seiten, erschienen bei Edition Unik. Der Buchtitel, ein Zitat des ehemaligen amerikanischen Austauschstudenten Fred, erfüllt Heimberg mit Stolz. Normal sein ist nichts, was sie je angestrebt hätte.

Autobiografie für 550 Franken

Edition Unik ist kein Verlag, sondern ein Kulturprojekt. In jeweils 17-wöchigen Zyklen schreiben Menschen ihr eigenes Buch. Das Angebot beinhaltet unter anderem eine Schreibsoftware, einen Zeitplan und vier Treffen.

Die Teilnehmer schreiben zu Hause, unterstützt werden sie wöchentlich mit einer E-Mail mit Schreibtipps. Kostenpunkt: 550 Franken. Zusätzlich können die Teilnehmer Mentorenstunden und eine Textprüfung buchen. Gedruckt werden drei Exemplare, zwei für den Schreibenden, eins fürs Archiv. Seit 2015 sind so gut 300 Bücher entstanden.

«Geschichtsschreibung passiert immer von oben. Mit unserem Projekt wollen wir zeigen, dass sie auch von unten stattfinden kann», erklärt Janine Meyer, Projektmitarbeiterin bei Edition Unik.

Viele Teilnehmer hätten lange den Gedanken getragen, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. «Wenn sie dann von Edition Unik lesen, gibt das oft den Ausschlag, dies umzusetzen.»

Band zwei geplant

Lydia Heimberg hat Anfang dieses Jahres an einem Zyklus von Edition Unik teilgenommen. Als Unterstützung hat sie sich eine Mentorin geleistet. Die Mentorin und der strenge Zeitrahmen hätten ihr geholfen, «dass meine ausufernden Ideen nicht zu einer endlosen Geschichte führten».

Gesundheitliche Probleme und eine Fülle an Lebensereignissen sind der Grund dafür, dass die Erzählungen dennoch nur bis Ende der 80er-Jahre reichen. In dieser Zeit hat Lydia Heimberg in Bern das Haus für Erwachsenenbildung mitgegründet und dieses dann 20 Jahre lang geführt.

«Beruflich habe ich damit alles erreicht, was ich wollte», zieht Lydia Heimberg Bilanz. Doch mit dem Schreiben ist sie noch nicht fertig. Band zwei ist in Planung. So viel gibt es noch, das erzählt werden will: wie sie auf den Spuren grosser Schriftsteller durch Amerika reiste; wie sie das Haus für Erwachsenenbildung aufgeben musste, als die Subventionen des Kantons wegfielen; wie sie in den Anfängen des Onlinedatings ihren heutigen Lebenspartner kennen lernte.

Wie soll das alles zwischen zwei Buchdeckel passen? Sie wird sich wieder einschränken müssen.

Lydia Heimberg liest am Mittwoch am Edition-Unik-Café im ­Berner Generationenhaus. Die Veranstaltung beginnt um 18.30 Uhr. Mit Lydia Heimberg lesen Heinz Lehmann aus Köniz und Verena Bernhart aus Ennetbaden aus ihren Lebensgeschichten.

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