Wieder westwärts

Ostwärts

Abenteuer auf zwei Rädern: Die pensionierte Journalistin Laura Fehlmann fährt mit dem Velo über 6000 Kilometer quer durch Russland.

Radelte dreizehn Wochen durch Russland: Laura Fehlmann.

Radelte dreizehn Wochen durch Russland: Laura Fehlmann.

(Bild: Raphael Moser)

Wenn diese Kolumne erscheint, werden wir mit der Transsibirischen Eisenbahn fünf Tage westwärts gefahren sein, von Irkutsk in Sibirien nach Moskau, wo mich die ungeheure Polizeipräsenz wegen unbewilligter Demonstrationen erschreckte. Wir reisen weiter nach Kiew in der Ukraine. Kollege Balmer ist schon in der Schweiz, Burger und ich bleiben noch in der Ukraine und treffen unser Vorbild Nicola Haardt, die vor einigen Jahren allein von Bochum nach Sibirien pedalte. Danach gehts auch für uns heimwärts, mit dem Fernbus. Weil ich aber die Velotour nicht so abrupt beenden will, werde ich von Stuttgart durch den Schwarzwald nach Hause radeln. Als Rentnerin habe ich ja Zeit.

Die Rückreise ist der Moment, Bilanz zu ziehen. Was war in den letzten drei Monaten positiv, was negativ? Am schlimmsten ist die Erinnerung an die stinkende Luft. Unvergesslich die Schornsteine der Ölraffinerien und der Schwerindustrie, auch die Lastwagen, die uns oft lebensgefährlich überholten und mit kohlrabenschwarzen Abgasen einnebelten. Dazu kam das Wissen um radioaktive Flüsse und Seen.

Ein weiterer Minuspunkt ist die Art, wie in Russland mit Tieren umgegangen wird. Da sind oft Kälber und Ziegen in brütender Hitze angebunden, ohne Wasser oder Schatten. Hunde, die ihr Leben entweder auf der Strasse oder an einer kurzen Kette verbringen, begegneten uns auch unzählige. Seltsam, erlebte ich die Russen doch sonst als äusserst warmherzig und gefühlvoll.

Trotzdem ist meine Positivliste länger: Ganz zuoberst stehen all die wunderbaren Begegnungen mit der russischen Seele. Fast ausnahmslos kamen die Menschen mit Herzlichkeit, Respekt und Anteilnahme auf uns zu. In Erinnerung bleibt der etwa Zehnjährige in einem kleinen Dorf, in dem wir campierten. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen, um uns auf Englisch in ein Gespräch zu verwickeln. In einem anderen Dorf vertrauten uns zwei junge Frauen an, dass sie noch nie, nie Touristen gesehen hätten ausser im Fernsehen. «Die Schweiz, ist das Frankreich?», fragte die eine. Dass wir oft im Wald zelteten, sorgte für grosse Verwunderung.

Da war Olga aus Moskau, die uns in Rylsk bei der Suche nach einem Zimmer half. Und Lisa, die uns in Bratsk mit dem Velo von Hotel zu Hotel vorausfuhr, sowie die nette Kassierin des Angaraschiffs, die uns die Velos gratis mitnehmen liess. Unvergessen auch der Lastwagenchauffeur, der uns an einem Hitzetag durch das LKW-Fenster Schoggiglace hinstreckte und lachend weiterfuhr. Lustig waren auch all die spontanen Begegnungen mit Automobilisten, die, sei es auf der Autobahn oder im städtischen Stossverkehr, anhielten, um ein Selfie mit uns zu machen.

«Das Schönste war die sommerliche Blütenpracht Sibiriens.»

Es mag beschönigend klingen: Aber abgesehen von den Industriestandorten ist Russland ein riesiges Naturreservat, dank seiner Grösse. Beim tagelangen Pedalen sahen wir oft nur Wald und hörten Vögel, die mir in der Schweiz noch nie begegnet sind. Für mich das Allerschönste war jedoch die sommerliche Blütenpracht Sibiriens, vor allem am Baikalsee. Wo sonst auf der Welt kann man inmitten blühender, betäubend duftender Wicken sein Zelt aufstellen? Ich staunte über wilden Rhabarber, blauvioletten Rittersporn und die leuchtend rote Brennende Liebe – für eine Pflanzenliebhaberin wie mich einfach fantastisch.

Bevor wir in die Transsib stiegen, erlebten wir allerdings einen Schock, und ich war echt froh, dieses Land zu verlassen. Wegen seit längerem wütender Waldbrände liegt derzeit eine Rauchglocke über grossen Teilen Sibiriens. In Irkutsk verschwand die Sonne am dunkelgrauen Himmel. Der Baikal verlor sein unschuldiges Türkisblau. Mir fiel das Atmen noch schwerer als sonst, Hals und Augen brannten. Gegenmassnahmen? Die Regierung Putin liess verlauten, Löscharbeiten in den abgelegenen Gegenden seien zu aufwendig und zu teuer. Nun ja, in Moskau spürt man nichts von diesem Rauch, Sibirien ist weit weg.

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