Wilde Orchideen besiedeln Flachdächer

Bern

Wild wachsende Orchideen gedeihen auch mitten in Bern – an ungewöhnlichen Orten.

Sabine Tschäppeler und Stefan Müller auf einem der Flachdächer. Die Orte, wo Orchideen wachsen, sollen geheim bleiben.

Sabine Tschäppeler und Stefan Müller auf einem der Flachdächer. Die Orte, wo Orchideen wachsen, sollen geheim bleiben.

(Bild: Beat Mathys)

Beim Haupteingang des Inselspitals stehen zwei grosse Blumenvasen mit weissen Orchideen. Beim genaueren Betrachten entpuppen sich die Pflanzen aber als Fake. Sie sind aus Stoff. Auf dem Inselareal gibt es aber auch echte Orchideenarten, die wild wachsen. «Vor etwa drei Jahren haben wir per Zufall erstmals das geschützte Knabenkraut entdeckt», sagt Insel-Obergärtner Stefan Müller.

Er führt zum Standort, auf ein mit Gräsern bewachsenes Flachdach beim Anna-Seiler-Haus. Das Knabenkraut – genau genommen heisst jene Art Fuchs’ Gefleckte Fingerwurz – ist ein zartes Pflänzchen mit pink-violetten Blüten. Dass dieses Gewächs mitten in Bern vorkommt, ist nicht selbstverständlich. Diese Orchideen bevorzugen feuchte Wiesen und viel Licht. «Diese Voraussetzungen sind auf diesem Dach gegeben», sagt Müller, «das Wasser fliesst hier nicht ab, und das mögen sie.»

Bevorzugte Flachdächer

«In der Schweiz sind in den letzten Jahrzehnten 95 Prozent der Magerwiesen verschwunden», meint die Botanikerin Sabine Tschäppeler, Leiterin der Fachstelle Natur und Ökologie bei Stadtgrün Bern. Und mit denMagerwiesen sind auch viele Orchideenarten verschwunden. Einige sind in den letzten Jahren wieder aufgetaucht, an ungewöhnlichen Orten wie unter anderem auf Flachdächern.

Auf einem anderen Dach auf dem Insel-Areal zeigt Obergärtner Müller eine weitere Rarität: Es ist die Langspornige Handwurz. Und gleich nebenan entdeckt er an diesem heissen Nachmittag eine Orchidee, die er hier noch nie gesehen hat; zum Entzücken von Botanikerin Tschäppeler, die das Pflänzchen als Dactylorhiza incarnate (Fleischrote Fingerwurz) erkennt.

Eine sexuelle Täuschung

Nicht auf einem Dach, sondern auf einer kleinen Wiese in der Nähe des Bettenhochhauses, gedeiht die seltenste Orchideenart auf dem Inselareal: die Bienenragwurz. Für Botanikerin Tschäppeler eine faszinierende Pflanze. Es ist eine sogenannte Sexualtäuschblume. Die Blüte sieht aus wie eine weibliche Biene, zudem strömt sie Sexualhormone aus, was das Anlocken von männlichen Individuen verstärkt. Stefan Müller und Sabine Tschäppeler möchten nicht, dass die genauen Standorte der wilden Orchideen in Bern publik werden.

«Viele Leute haben Freude an ihnen und graben sie für ihren Garten aus», sagt die Botanikerin. Dort gehen sie dann ein. Immerhin so viel: Wilde Orchideen kann man auch auf dem Schosshaldenfriedhof bestaunen. In der Gemeinde Bern kommen laut Tschäppeler fast 30 Arten vor. Alle Orchideen sind bundesrechtlich geschützt.

Die Bienenragwurz ist eine Sexualtäuschblume. Fotos: Beat Mathys

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