«Willkommen in unserer kleinen, speziellen Gemeinde»

In Häutligen ist die Stadt nah – und doch irgendwie so weit weg. Das erklärt, wieso sich die Gemeinde in den Ausläufern des Emmentals so schwer damit tut, Teil des Grossraums Bern zu sein.

Ländlich: In Häutligen prägen behäbige Bauernhäuser und weitläufige Obstwiesen das Bild.

Ländlich: In Häutligen prägen behäbige Bauernhäuser und weitläufige Obstwiesen das Bild.

(Bild: Andreas Blatter)

Stephan Künzi

Einmal mehr. Einmal mehr wird offensichtlich, wie unwohl den kleinen Dörfern aus dem alten Amt Konolfingen im grossen Verwaltungskreis Bern-Mittelland ist. Anlass zu Misstönen geben diesmal die Beiträge an die etablierte Kultur, wie sie schwergewichtig in der Stadt stattfindet: Dass die Ansätze ausgerechnet in jenem Gürtel überproportional ansteigen sollen, dem in der neuen Struktur ohnehin nicht wohl ist (wir berichteten), lässt die Kritik noch ein Stück lauter werden.

Häutligen ist mit seinen 250 Einwohnern so etwas wie der Prototyp einer derartigen Gemeinde. Hier, zwar nur 25 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, dafür aber 200 Höhenmeter über dem Aaretal und abseits der Pendlerströme gelegen, tut sich eine ganz andere, schon sehr em­menta­lisch geprägte Welt auf.

Behäbige Bauernhäuser mit weitläufigen Obstwiesen prägen wie eh und je die Landschaft, es ist eine Idylle, der auch die Zeile neuerer Ein­familienhäuser wenig anhaben kann. Man kennt und duzt sich, und wenn sich im Untergeschoss des Schulhauses die Gemeinde zu ihrer Versammlung trifft, strömen die Leute sehr zahlreich herbei. Der Stolz auf das Dorf, die Heimat, mit der sich viele so verbunden fühlen, ist dann mit Händen zu greifen.

Das zeigt sich allein in den Worten, mit denen Gemeindepräsident Peter Gäumann diesmal den Neuzuzüger begrüsst. «Willkommen in unserer kleinen, speziellen Gemein­de Häutligen», sagt er – nachdem er zuvor in aller Deutlichkeit seine Sorgen über die politische Grosswetterlage losgeworden ist.

Wie sehr der Druck zur Fusion wachse, sei ihm un­längst bei einer Unterredung mit Regierungsrat Christoph Neuhaus aufgegangen. Kleingemeinden wie Häutligen würden ohnehin nur geplagt. Mit Abgaben wie den 10'000 Franken, die man trotz fehlender Bahn- und Busverbindungen für den öffentlichen Verkehr abliefern müsse.

Oder eben den 3200 Franken, die man in Zukunft für die Kultur zahlen müsse – verglichen mit heute komme das praktisch einer Verdoppelung gleich. Wie gross das Unverständnis ge­rade bei diesem Thema ist, illustriert Peter Gäumann mit konkreten Zahlen. Dass Konzert Theater Bern aktuell 37,9 und neu 38,8 Millionen Franken erhält, derweil in der Nähe das Konzertlokal Müh­le Hunziken auf gerade mal 35 000 Franken kommt, will ihm einfach nicht in den Kopf.

Andere Freizeitaktivitäten liegen den Häutligern ohnehin viel näher, wie wenig später eine Wortmeldung aus der Versammlung klarmacht. Ein Votant weist die Anwesenden auf die neue Laufstrecke hin, auf die insgesamt 13 Kilometer zum Rennen und Walken, die in vielen Stunden Fronarbeit hergerichtet worden seien.

Und bei noch einem Thema wird klar, wie weit weg die Stadt in Häutligen eigentlich ist. Als sich eine Frau für Tempo 30 auf den Strassen im Dorf starkmacht, bekommt sie zu hören: So einfach sei das nicht. Denn dann müsste man Schikanen aufbauen, und die landwirtschaftlichen Maschinen kämen nur noch mühsam voran.

Berner Zeitung

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