Wir sind auch Touristen

Ostwärts

Abenteuer auf zwei Rädern: Die pensionierte Journalistin Laura Fehlmann fährt mit dem Velo über 6000 Kilometer quer durch Russland.

Die ehemalige BZ-Redaktorin Laura Fehlmann ist mit ihrem Velo auf dem Weg quer durch Russland. Von Kiew an den Baikalsee sind es rund 6150 Kilometer.

Die ehemalige BZ-Redaktorin Laura Fehlmann ist mit ihrem Velo auf dem Weg quer durch Russland. Von Kiew an den Baikalsee sind es rund 6150 Kilometer.

(Bild: Raphael Moser)

Auf unserer Velotour von Kiew zum Baikalsee sind wir kaum jemals Touristen begegnet und waren eine kleine Attraktion. Autofahrer stoppten, um uns zu fotografieren, sie hupten, grüssten, winkten, wir wurden ausgefragt und bewundert. Das ist jetzt vorbei.

Wir haben unser Ziel, den Baikalsee, vor knapp zwei Wochen erreicht und befinden uns in einem der meistbesuchten Orte, in Khuzhir, auf der Insel Olchon. Der See, die Strände und die Steppenlandschaft sind grandios, die Nächte ruhig. See? Beim rauschenden Wellengang des Baikals wird mir klar, weshalb die Einheimischen vom «Meer» reden.

Die einzigartige Schönheit von Olchon haben vor uns schon andere entdeckt. Jedes Jahr besuchen mehr Menschen die Baikalinsel, gleichzeitig entstand eine provisorische, touristische Infrastruktur und damit ungelöste Probleme wie etwa die Entsorgung von Abwasser und Abfall. Dana, die Wirtin eines Gasthauses, ist sich dieser Probleme bewusst. «Weil Khuzhir sich in einem Nationalpark befindet, sind hier alle Hotels illegal. Deshalb sind wir verpflichtet, die Abwässer und den Abfall auf dem Festland zu entsorgen. Das ist sehr teuer.»

Von Kiew an den Baikalsee: Rund 6150 Kilometer quer durch Russland. Quelle: Google Maps Dana und ihr Mann entsorgen korrekt, aber viele andere, die inoffizielle Gasthäuser betreiben, tun es nicht. Kontrolliert wird nicht. Unterkünfte und Beizli schiessen wie Pilze aus dem Boden. Im Sommer und an den Wochenenden sei die Nachfrage da, versichert Dana. «In den letzten Jahren auch zunehmend im Winter, denn der gefrorene Baikal ist faszinierend.»

So fügen Burger und ich uns in die Touristenströme ein, zusammen mit BZ-Redaktorin Sandra Rutschi, die zu uns gestossen ist. Nach der dreimonatigen Velotour kommt mir das Nichtstun seltsam vor. Wir spazieren, baden im eiskalten, selten über 10 Grad warmen Meer, fotografieren, essen und kaufen Souvenirs. Wir sind Teil einer Masse, geniessen und können doch nie ganz abschalten.

Wenn zehn Minibusse mit chinesischen Touristen über die Sandstrassen brausen und das ganze Dorf in eine Staubwolke hüllen, fragen wir uns, wie sich die Zukunft von Khuzhir und der gesamten Insel entwickeln wird. Aber egal, ob auf zwei Rädern oder im Bus: Auch wir sind Touristen. Ob wir besser zu Hause geblieben wären?

Berner Zeitung

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