Zeitreisen vor der eigenen Haustüre

Seedorf

Das Dorfmuseum Seedorf rüstet digital auf und sucht deshalb bei der Bevölkerung nach alten Fotos und Filmen. Auch punkto Lobsigensee ist der Museumsverein mit neuen Projekten aktiv geworden.

Inmitten Tausender Zeugen der Dorfgeschichte. Christoph Waber, Präsident des Vereins Dorfmuseum Seedorf, in seinem Reich.

Inmitten Tausender Zeugen der Dorfgeschichte. Christoph Waber, Präsident des Vereins Dorfmuseum Seedorf, in seinem Reich.

(Bild: Christian Pfander)

Simone Lippuner

Der Dachstock des Gemeindehauses in Seedorf ist eine wahre Schatzkammer. Nach Themen wie Schule, Haushalt oder Feuerwehr geordnet, liegt, steht und hängt hier vieles von dem, was die Seedorfer in den letzten 200 Jahren zum Leben und Arbeiten benötigt haben. Ein «Härdöpfu­stünggu», eine Waschreibe, ein Ochseneisen oder eine alte Feuerwehrlaterne, viele Werkzeuge und alte Fotografien sind im Seedorfer Dorfmuseum ausgestellt.

Die Idee zum Museum entstand in den Achtzigerjahren. 2010 wurde das Museum in seiner heutigen Form neu eröffnet. Immer wieder finden neue Objekte den Weg in den Dachstock; mittlerweile ist jede Ecke besetzt, jeder Flecken gefüllt, mehr Platz gibt es nicht. Deshalb rüstet der Verein Dorfmuseum Seedorf nun digital auf: Alte Super-8-Filme, Fotos, Postkarten und Dokumente werden digitalisiert und für die Besucher auf einem Bildschirm präsentiert.

Nostalgische Reisen in den Alltag von anno dazumal

«Vor allem ältere Museumsbesucher freuen sich sehr, wenn sie auf den Bildern und in den Filmen Freunde und Verwandte erkennen und nochmals in den Alltag von anno dazumal eintauchen können», sagt Vereinspräsident Christoph Waber.

«Vor allem ältere Museumsbesucher freuen sich sehr, wenn sie nochmals in den Alltag von anno dazumal eintauchen können.»Christoph Waber, Dorfmuseum

Um diese Nostalgiereisen zu erweitern und an möglichst viel historisches Material zu gelangen, hat der Verein im Gemeindeblatt jüngst einen Aufruf lanciert. «Bis jetzt haben sich noch nicht viele Leute gemeldet», sagt Waber. Er ist aber zuversichtlich, dass sich dies noch ändern wird.

Wenn jemand Sachen vom Grosi zurückwill

Unabhängig von der Suchaktion wird die Digitalisierung im Dorfmuseum derzeit grossgeschrieben: Seit 2016 ist es Mitglied im Verein der Museen im Kanton Bern und startet dieser Tage mit dessen Inventarplattform. Waber: «Mit einer neuen Software können wir alle Gegenstände ­inventarisieren und unser rudimentäres Papierarchiv ersetzen.»

Gegenstände aus der Pfahlbauerzeit im Dorfmuseum.

Das bedeutet für die Mitglieder eine riesige Arbeit ­– benevol, wohlverstanden – denn das Museum umfasst mehrere Tausend Objekte. «Derzeit sind oft nicht einmal die Besitzstände klar», sagt Waber. Es seien schon Leute gekommen, um die Sachen ihrer Grossmutter wieder abzuholen.

Die grosse Überraschung des Kohlebergwerks in Ruchwil

Der Verein will seine Arbeit zugänglicher, das Museum bekannter machen. Denn auch was die 6000 Jahre alte Pfahlbauersiedlung im Lobsigensee anbelangt, sind die Mitglieder mit neuen Projekten aktiv geworden. Normalerweise nur am Sonntagnachmittag geöffnet, ist das Museum aber nicht gerade der Publikumsmagnet im Dorf. Immer noch wissen viele Einwohner gar nicht, dass es das ­Museum gibt. Mit Inseraten im Amtsanzeiger oder auch Informationsanlässen will der Verein mehr Besucher und Interessierte anlocken und für die Geschichte der Region sensibilisieren.

Jüngst ist das dem verantwortlichen Vorstand, zu ihm gehören auch Gemeinderat Ueli Hügli (Grüne) und der Lehrer Beat Schütz, ganz gut gelungen: Ein Informationsanlass über das Steinkohlebergwerk, das bis zum Ende des 18. Jahrhunderts im Ruchwilgraben angesiedelt war, sorgte für volle Ränge. «Der Physiker Heinz Surbeck aus Cordast kam im vergangenen Jahr auf uns zu, weil er am Frienisberg Spuren des ehemaligen Kohlewerks entdeckt hatte», sagt Ueli Hügli.

Den Seedorfern war die heimische Kohle zu russig

Nicht nur für den Verein, für das ganze Dorf war die Nachricht zum Steinkohlewerk eine grosse Überraschung. «Wir wussten nichts von diesem Werk», sagt Hügli. Den Seedorfern soll diese Kohle übrigens zu russig und rauchig gewesen sein – sie heizten ­ihre Kessel lieber anders ein. Hingegen ist dokumentiert, dass bei einem Herrn von la Calmette, holländischer Resident in Bern, nichts anderes als die Ruchwiler Kohle im Kamin gebrannt hatte.

Im Naturhistorischen Museum Bern ist ein Kohlestück aus dem Werk am Frienisberg aus­gestellt. Ein kleines Stück Geschichte, eines von vielen, die ­immer wieder zutage gefördert werden.

Berner Zeitung

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