Zu Fuss nach Jerusalem

Liebefeld

1500 Schritte geht ein normaler Büroangestellter am Tag. 2,5 Millionen Schritte hat Alexander Kamps per pedes nach Jerusalem zurückgelegt. Es war das Abenteuer seines ­Lebens.

Alexander Kamps sagt über seine Reise: «Wenn man so lange unterwegs ist, wird man zur Demut gezwungen.»

Alexander Kamps sagt über seine Reise: «Wenn man so lange unterwegs ist, wird man zur Demut gezwungen.»

(Bild: Iris Andermatt)

Nur 1500 Schritte geht ein normaler Büroangestellter am Tag. Alexander Kamps ist 2,5 Millionen Schritte gelaufen – durch vier ganze Länder von Lugano bis Jerusalem. Mehr als 2000 Kilometer legte er dabei zu Fuss zurück, im Gepäck nur das Nötigste: Regenjacke, Schlafsack, Isomatte, zwei T-Shirts, zwei Paar Hosen, Unterwäsche und ein Stock.

Was als Pilgerreise und sport­liche Herausforderung geplant war, entwickelte sich zu einem der grössten Abenteuer seines Lebens.

«Jeder kann laufen, aber das Durchhalten und das Alleinsein gehen an die Substanz», sagt Kamps. Oft wusste er nicht, wo er abends schlafen würde, oft gab es keine heisse Dusche, kaum Gesellschaft und immer dasselbe zum Anziehen.

Es braucht Entschleunigung

Dennoch leuchten die Augen des 43-Jährigen aus dem Liebefeld, wenn er von der Reise erzählt. Denn genauso wie ihn jeder Schritt näher an die vielleicht ­faszinierendste Stadt der Welt brachte, fand er dabei auch den Weg zu sich selbst. «Wenn man so lange unterwegs ist, wird man zur Demut gezwungen», sagt der ­angehende Erlebnispädagoge.

«Mehr als vier bis sechs Kilometer pro Stunde schafft man nicht, das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht, und es kommt der Moment, da wird einem klar, dass diese Reise nicht Wochen, sondern Monate dauern wird.»

Genau das sei das Gute, denn Kamps findet: «In unserer extrem hektischen Welt braucht es dringend Entschleunigung.» Auf die Reise müsse man sich einlassen, und je langsamer man unterwegs sei, desto nachhaltiger sei die Erfahrung.

Fünf Gänge runterschalten

Zum Beispiel die Erfahrung, wie wenig man zum Leben braucht. Wie gut wir es alle in Mitteleuropa haben, ohne es zu schätzen. Und wie wohltuend es sei, fünf Gänge runterzuschalten und ­einmal nicht funktionieren zu müssen. Sein Weg führte Kamps durch ganz Italien bis nach Bari, wo er mit dem Schiff nach Griechenland übersetzte. Quer durch Griechenland ging es dann weiter bis Athen, von dort mit dem Schiff in die Türkei, durch die ganze Türkei, wegen des Syrien-Kriegs mit dem Flugzeug nach Tel Aviv und von dort weiter bis Jerusalem.

2008 lief Kamps 3,6 Millionen Schritte den Jakobsweg von Überlingen bis Santiago de Compostela, 2013 1,5 Millionen Schritte auf der Via Francigena von Lausanne bis Rom. Und so war es für ihn nur folgerichtig, auch zu Fuss nach Jerusalem zu gehen.

Das aber war gar nicht so einfach, denn Jakobsweg und Via Francigena sind gut erschlossen, aber für Jerusalem gibt es keinen Wegweiser. So suchte sich Kamps seinen Weg mit Google Maps und war auch häufig an befahrenen Strassen unterwegs.

«Bringt einen zum Heulen»

«Der Weg nach Santiago war der längste, nach Rom der schönste und nach Jerusalem der härteste», sagt Kamps. Zu Fuss nach Jerusalem zu wandern, möchte er deshalb nicht weiterempfehlen. Dennoch – oder gerade deswegen – war es für ihn ein unbeschreib­liches Gefühl, unter dem Ortsschild von Jerusalem zu stehen. «Der Weg bringt dich zum Heulen», sagt Kamps. «Er führt dich an die Grenzen und darüber ­hinaus.»

An der Grabeskirche kamen ihm die Tränen. Dabei ist er nicht einmal besonders religiös. Aber die Pilgerwege machen etwas mit einem, findet Kamps, vor allem, wenn man auf andere Pilger trifft und wenn man an den uralten Stätten von Spiritualität und Religion steht.

Die Einsicht, die Kamps auf seinem Weg gewonnen hat, teilt er gern. Über jede seiner Reisen hat Kamps ein Buch geschrieben. Zwei Bände sind erschienen, der dritte und letzte Band über die drei grossen christlichen Pilgerrouten befindet sich zurzeit im Lektorat. Der Autor bietet auch an, mit besonders interessierten Menschen den kompletten Jakobsweg noch einmal zu gehen.

Berner Zeitung

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