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Zum Fussballplausch nach Niederscherli

Die Notunterkunft in Niederscherli ist zu, doch die Asylsuchenden spielen unverdrossen weiter Sonntag für Sonntag Fussball. Auch wenn sie dafür bis zu ­anderthalb Stunden anreisen.

Auch nach der Schliessung der Notunterkunft reisen die Asylsuchenden regelmässig zum Fussballspiel mit ihren einheimischen Kollegen an.
Auch nach der Schliessung der Notunterkunft reisen die Asylsuchenden regelmässig zum Fussballspiel mit ihren einheimischen Kollegen an.
Susanne Keller

Diesmal sind so viele gekommen, dass nicht zwei, sondern gleich vier Mannschaften gebildet werden können. 28 Sportbegeisterte jeglichen Alters treffen an diesem trüben Vormittag auf dem Kunstrasenplatz bei der Schulanlage Niederscherli ein, und sie wollen eins: Fussball spielen und den Plausch haben, wie jeden Sonntag um diese Uhrzeit.

Es ist ein bunter Trupp, der in den nächsten anderthalb Stunden dem runden Leder nachjagen wird. Wie immer sind neben den Einheimischen auch etliche junge Männer mit von der Partie, die unübersehbar und unüberhörbar fremdländischer Herkunft sind. Ihr dunkler Teint und ihre dunkle Haarfarbe passen zur Sprache, in der sie auf dem Spielfeld miteinander kommunizieren: Farsi, die offizielle Landessprache aus Afghanistan.

Freunde aus der Unterkunft

Genau. Auch einen Monat nachdem der Kanton die unterirdische Notunterkunft in Niederscherli geschlossen hat, kommen die Asylsuchenden nach wie vor regelmässig zum Fussballspielen ins Dorf. Nun halt von auswärts – die einen von den Unterkünften, in die sie verlegt worden sind, die anderen, die im Verfahren schon einen Schritt weiter sind, von den Wohnungen, die sie mittlerweile gefunden haben.

Bis zu anderthalb Stunden Zug- und Busfahrt mit mehrmaligem Umsteigen nehmen die jungen Männer dabei in Kauf. Wie der 24-jährige Tufan Farhad, der nun von Schafhausen im Emmental her anreist. Oder der 19-jährige Tawakoli Fazul Ahmadi, der nun in Mühleberg zu Hause ist. Und auch der ebenfalls 19-jährige Seraj Tawakoli, der in Münchenbuchsee eine neue Bleibe ­gefunden hat – im Gegensatz dazu hat es der 25-jährige Reza ­Bezam bequem. Er wohnt im ­benachbarten Gasel und kann ­sogar mit dem Velo anreisen.

Die Antwort auf die Frage, wieso sie so viel Aufwand betreiben, tönt bei allen ähnlich. Die Jungs lieben den Fussball. Sie haben während ihrer Zeit in Niederscherli das sonntägliche Spiel kennen und schätzen gelernt und wollen auch jetzt, da sie weggezogen sind, nicht darauf verzichten. Genauso wenig, wie sie ihre Spielkollegen missen möchten, die sie ebenfalls erst während ihres Aufenthalts in der Notunterkunft kennen gelernt haben.

Wie sie sich mit ihrem knappen Budget den wöchentlichen Ausflug leisten können? Zumal auch die Ausrüstung zwar nicht alle Welt, aber doch immerhin etwas kostet? «Wer Fussball spielt, isst halt etwas weniger», antwortet Bashir Tawakoli, 19-jährig und in der Unterkunft in Bern-Rossfeld untergebracht, und lacht.

Leichter Deutsch lernen

«Wir sind selber überrascht, dass sie nach wie vor kommen», stellt derweil Anthony Neidhart fest. Unter dem Namen «Anthony and Friends» trifft er sich seit Jahr und Tag mit seinen Kollegen zum sonntäglichen Fussballspiel. Als sich Anfang 2016 plötzlich die Frage stellte, ob die Asylsuchenden willkommen seien, «sagten wir gerne zu». Dieses Engagement sollte einen angenehmen Nebeneffekt haben. Die Gemeinde teilte der Gruppe in der Folge das Kunstrasenfeld fix zu.

Den Kontakt hergestellt hatte der Verein Offenes Scherli, der sich um die Bewohner der damals neu eröffneten Notunterkunft kümmern wollte. Nun steht ­Vereinspräsident Jürg Schneider am Spielfeldrand und schaut dem Treiben sichtbar zufrieden zu. Dass die Asylsuchenden auch nach dem Ende der Unterkunft noch immer regelmässig nach Niederscherli reisten, sei so gar nicht geplant gewesen. Umso ­erfreuter könne er nun feststellen, «wie die Sache lebt».

Das sonntägliche Spiel sei der beste Beweis dafür, dass Fuss­ball tatsächlich Brücken baue, fährt Schneider fort. Er sagt dies nicht zuletzt mit Blick auf den Deutschunterricht, den er im Rahmen der Vereinstätigkeit ehrenamtlich erteilt (siehe Kasten). Er stelle fest, dass jene, die sich regelmässig mit der Gruppe zum sonntäglichen Sport träfen, besonders rasch gute Fortschritte machten. «Das ist zentral für ihre Integration.»

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