Zum Spass wieder auf der Bühne

Münsingen

Wenn theaterverrückte Leute sich zusammenfinden, kann dies zu einem vergnüglichen Abend führen. Im Casino des Psychiatriezentrums führt eine Schauspielgruppe das Stück «Spilet wyter» auf.

Unzulänglichkeiten und zeitweiliger Mangel an sozialer Kompetenz: Die «Theaterproben» gehen an die Substanz. Foto: pd

Unzulänglichkeiten und zeitweiliger Mangel an sozialer Kompetenz: Die «Theaterproben» gehen an die Substanz. Foto: pd

Standing Ovation für eine misslungene Uraufführung: Ganz so lief es an der Premiere im Casino des Psychiatriezentrums Münsingen am Samstag nicht. Die Schauspielgruppe AH+ erhielt vielmehr für ihr gekonnt unprofessionelles Auftreten das höchste Lob des Publikums.

«Spilet wyter» ist ein Stück des Genres «Theater im Theater». Die Probeabende von Laiendarstellern werden zum Thema gemacht, angereichert mit einer Sammlung von möglichen Pannen. Das Publikum nimmt teil an diesen Proben, ahnt, dass die langweilig vorgetragenen Dialoge nicht Anklang finden werden, und amüsiert sich köstlich über die umso lebhafteren Dispute zwischen den Theaterleuten.

Pannen häufen sich, und die Gruppe sucht verzweifelt zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Die Rückstände in der Probearbeit können nicht mehr auf­­geholt werden, und die Uraufführung gerät zum Fiasko.

Professionalität vergessen

So gekonnt unprofessionell aufzutreten, sollte nur wagen, wer über eine lange Schauspielerfahrung verfügt. Das ist bei den theaterverrückten AH+-Leuten der Fall. Normalerweise spielen sie in verschiedenen Theatervereinen der Region mit. Und sie gehen zwischendurch zusammen essen. Das sei auch der Auslöser für die Bildung von AH+ gewesen, so Jörg Kocher. «Wir zum grossen Teil älteren Damen und Herren wollten mal zum Spass zusammen ein Stück proben, um es dann nicht aufzuführen», sagt Kocher, der normalerweise bei der Mundartbühni Uetendorf mitspielt.

Dann kam die Idee auf, dennoch einige Familienmitglieder zu einer Vorstellung einzuladen. Daraus wurde mehr. «Lenin» wurde 2015 insgesamt zehnmal aufgeführt. Nach drei Jahren Pause brach das Theatervirus bei AH+ wieder aus. Eines war laut Kocher jedoch von Anfang an klar: «Wir wollten nicht länger als zwei Monate proben.» Um die ehrgeizige Vorgabe zu realisieren, wurde die ursprüngliche Geschichte von Autor Rick Abbot an die Charaktere der Spielenden angepasst.

Sich selbst überspitzt darzustellen, sei lustvoll, bedinge aber auch eine selbstironische Betrachtungsweise, sagt Regisseurin Linda Trachsel dazu. Man trete sich selbst und nicht anderen auf die Zehen. Für Trachsel lebt «Spilet wyter» von der Herausforderung, schlechtes Theater gekonnt zu parodieren. Die Schauspieler müssten lernen, ihre langjährig erworbene Professionalität wieder zu vergessen. Als Kontrast dazu sollten die Figuren mit autobiographischen Zügen möglichst authentisch dargestellt werden.

Dauerlachendes Publikum

Diese zwei Ebenen wurden bei der Inszenierung stark herausgearbeitet. Die Theaterleute, die sich auf der Bühne zu Proben treffen, wirken authentisch und sorgen mit ihren unverblümten Aussagen beim Publikum für ein Dauerlachen. Man muss sie einfach mögen, diese Figuren mit ihren Unzulänglichkeiten und dem zeitweiligen Mangel an sozialer Kompetenz. Schallendes Gelächter prägte am Samstag den Premierenabend, und für so viel Spass an gekonntem Theater gab es für die Zuschauer nur eine passende Antwort: einen stehenden langen Applaus an die durchs Band herausragende Leistung der Schauspielleute.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt