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«Zur falschen Zeit am falschen Ort»

2016 schlug in der Berner Aarbergergasse ein 20-jähriger Mann einem 47-Jährigen ohne Vorwarnung eine Flasche auf den Kopf. Jetzt muss der Richter entscheiden, ob er dafür ins Gefängnis muss.

Tatort Aarbergergasse: Auf Berns Ausgangsmeile ereignete sich das Gewaltverbrechen.
Tatort Aarbergergasse: Auf Berns Ausgangsmeile ereignete sich das Gewaltverbrechen.
Beat Mathys

Darüber, was an jenem Septembermorgen vor anderthalb Jahren in der Aarbergergasse in Bern abgelaufen war, gab es gestern am Regionalgericht Bern-Mittelland kaum zu diskutieren: Ein junger Mann schlug einem anderen Mann nach einem kurzen Wortwechsel eine Wodkaflasche auf den Kopf. Obwohl dieser wehrlos zu Boden ging und bereits stark blutete, schlug der Angeklagte gemäss Zeugenaussagen mit der kaputten Flasche ein zweites Mal zu. An den zweiten Schlag konnte er sich gestern vor dem Richter nicht erinnern. Auch das Opfer nicht. Das Letzte, was es von dieser Nacht weiss: Er wollte etwas in einen Abfalleimer werfen. Dann lag er mit schweren Kopfverletzungen zwei Wochen im Spital, eine davon auf der Intensivstation.

Es gehe langsam wieder aufwärts, sagte der 47-Jährige gestern. Die Narben am Kopf sieht man. Der Geruchssinn, den er verloren hat, komme vermutlich nicht mehr zurück. Er sei nicht mehr gleich belastbar wie früher, werde schnell müde. Derzeit arbeitet er sechs Stunden pro Tag. Im Mai, hofft er, könne er wieder voll arbeiten.

Vier Jahre Haft gefordert

«Er war zur falschen Zeit am falschen Ort», stellte Staatsanwältin Miriam Hans gestern fest. Für sie ist klar: Der Mann war ein Zufallsopfer. «Der Angeklagte hatte Streit mit einem Kollegen und brauchte ein Ventil für seine Wut und seinen Frust.» Die beiden waren sich in jener Nacht schon einmal über den Weg gelaufen, bevor der Beschuldigte mit der Flasche zuschlug.

Bei der ersten Begegnung in der Genfergasse habe das spätere Opfer seinen Kollegen einen «Scheiss-Tamilen» genannt und ihn bedroht, gab er damals nach seiner Festnahme zu Protokoll. Bei der zweiten Begegnung an der Aarbergergasse sei er dann in Panik geraten, weil der 47- Jährige eine Handbewegung gemacht habe. Dieser bestritt die beiden Begebenheiten.

Die Staatsanwältin führte gestern in Feld: «Das Opfer wirkt mit seinen 172 Zentimeter Körpergrösse und rund 70 Kilo Gewicht kaum bedrohlich.» Der mutmassliche Täter habe keine Angst gehabt. «Er hat bewusst eine Abrechnung gesucht», schloss sie aus seinem Verhalten. Sie forderte vier Jahre Gefängnis.

Eine solche Strafe würde seinen Mandanten aus der Bahn werfen, hielt Verteidiger Lukas Bürge entgegen. Der heute 22-Jährige habe eine Stelle und einen geregelten Alltag. Zudem habe er Reue gezeigt und mit dem Opfer vereinbart, dass er ihm in Raten eine Wiedergutmachung von 16 500 Franken zahle.

«In einer Notwehrsituation»

Der junge Mann selber betonte, dass ihm das Ganze eine «Riesenlehre» sei. Bürge sagte, es sei nicht zu erwarten, dass sich so ein Fall wiederhole. Sein Mandant habe sich «in einer Notwehr­situation gewähnt». Dass er so in Panik geraten sei, lasse sich damit erklären, dass er vor ein paar ­Jahren habe mitansehen müssen, wie sein älterer Bruder zusammengeschlagen wurde. Eine bedingte Strafe von 18 Monaten sei deshalb angemessen.

Ob der Beschuldigte für die schwere Körperverletzung, die er begangen hat, wie von der Staatsanwältin gefordert, vier Jahre ins Gefängnis muss oder ob er mit einer glimpflichen bedingten Strafe davonkommt, entscheidet das Gericht heute Donnerstag. Die Schulklasse mit Drittlehrjahrstiften der Gewerblich-Industriellen Berufsschule Bern, die gestern den Gerichtsfall im Amthaus mitverfolgte, sprach sich mit lediglich zwei Gegenstimmen für die milde Strafe aus. Gerichtspräsident Urs Herren bat die Klasse am Ende der Verhandlung um ihre Meinung. «Selbstverständlich ohne Einfluss des Urteils», wie er lächelnd betonte.

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