Zwei Extra-Lehrer für jenische Kinder

Bern

Mit dem Fokus auf «Kernkompetenzen» will die Stadt die Bildung jenischer Kinder den speziellen Bedürfnissen anpassen, die sich aus deren Lebensweise ergeben. In Lernateliers soll der Spezialunterricht neu organisiert werden.

Standplatz Buech an der Riedbachstrasse im Westen der Stadt Bern: Hier leben im Winterhalbjahr 22 schulpflichtige Kinder. Nun sucht die Stadt nach Wegen, deren Bildung zu verbessern.

Standplatz Buech an der Riedbachstrasse im Westen der Stadt Bern: Hier leben im Winterhalbjahr 22 schulpflichtige Kinder. Nun sucht die Stadt nach Wegen, deren Bildung zu verbessern.

(Bild: Urs Baumann)

Es klang wie eine amtliche Bankrotterklärung: Weil sich die geltende Schulpflicht gegenüber Jenischen häufig nicht durchsetzen lässt und der Versuch stattdessen zu Konflikten führt, will die Stadt Bern künftig darauf verzichten, fehlbare Eltern zu sanktionieren. Dies sagte die Leiterin des städtischen Schulamts, Irene Hänsenberger, kürzlich in einem Beitrag des Bundeshaus-Radios.

Gegenüber der Berner Zeitung relativierte daraufhin Sven Baumann, der Generalsekretär der städtischen Bildungsdirektion: Man suche neue Sanktionsmöglichkeiten, die anstelle bisheriger träten, die nicht fruchteten. Was also gilt jetzt für die derzeit 22 schulpflichtigen Kindern, die im Winterhalbjahr auf dem Standplatz Buech im Westen der Stadt aufwachsen?

Projekt «Lernen auf Reisen»

Ab dem neuen Schuljahr sollen laut Schulamtsleiterin Hänsenberger zwei Lehrpersonen «während der Wintermonate Lernateliers anbieten, deren Bildungsinhalte den Bedürfnissen der Fahrenden angepasst sind». Während des Sommers, wenn jenische Familien traditionellerweise unterwegs sind, sollen die beiden Lehrpersonen das «Lernen auf Reisen» ausprobieren.

Zu reden geben dürften aber noch die «angepassten Bildungsinhalte». Es gelte herauszuarbeiten, so Hänsenberger, welche Kernkompetenzen für die Jenischen wichtig seien, damit sie als Erwachsene ein eigenverantwortliches und finanziell unabhängiges Leben führen könnten.

Gemäss heutiger Kenntnisse seien dies die Bildung in deutscher und möglicherweise französischer Sprache, da sich die Jenischen auch im französischen Landesteil aufhielten, sowie die Vermittlung mathematischer Grundkompetenzen.

Grosse Zurückhaltung

Dies stehe nicht im Widerspruch zu den Vorgaben von Lehrplänen, sagt Hänsenberger. Die Kinder würden wie bis anhin im Winter eine normale Regelklasse besuchen. Statt wie bisher zwanzig spezielle Förderlektionen für Jenische auf die verschiedenen Klassenlehrpersonen aufzuteilen, werde der Förderunterricht künftig in den Lernateliers angeboten.

Es gehe nicht um «Bildung light», sondern darum, bestehende Lücken zu schliessen und spezielle Stärken zu fördern. Finanziell bleibe gegenüber dem bisherigen Modell alles unverändert, der Kanton arbeite am Projekt mit. «Es geht um einen neuen Versuch, die Bildung jenischer Kinder zu verbessern.»

Wie gross die Probleme bei der Beschulung Jenischer in der Vergangenheit waren, lässt Hänsenberger offen. Ihre Zurückhaltung lässt erahnen, wie diffizil die Kommunikation zwischen Behörden und Jenischen sein muss – und zeigt, wie sensibel das Thema ist (siehe Kasten).

Es geht nicht ohne Konflikte

Gesprächsbereitschaft und Pragmatismus haben aber rechtliche Grenzen. So ist es fraglich, ob Schulen von der Pflicht entbunden werden können, notorische Schulschwänzer anzuzeigen. Für Martin Wendelspiess, den Leiter des Zürcher Schulamts, ist der Fall klar. Er halte nichts von einer Aufhebung von Sanktionen, sagte er in der letzten «SonntagsZeitung». Es sei nicht zu verhindern, dass es punktuell zu Konflikten mit Jenischen käme, glaubt er. «Die Art, wie unsere Schulen strukturiert sind, steht nun mal in einem Widerspruch mit der Lebensweise der Fahrenden.»

Das sieht auch Claude Gerzner so, der Pressesprecher der Bewegung der Schweizer Reisenden. Es sei nicht so, dass Fahrende ihre Kinder nicht bilden wollten. «Wir wollen sie bilden, ohne unsere Kultur zu verleugnen», sagt er. Bis anhin sei das eine nur schlecht mit dem anderen vereinbar gewesen. Zudem ist es auch vierzig Jahre nach den letzten Kindeswegnahmen im Rahmen der Aktion «Kinder der Landstrasse» laut Gerzner «doch kein Wunder, dass manche zusammenzucken, wenn sie das Wort Schule hören».

Auch David Vitali vom Bundesamt für Kultur plädiert für Behutsamkeit und Verständnis aufgrund der Vergangenheit. Gleichzeitig hält er das Recht auf Bildung für ein sehr wichtiges Thema. Eine Arbeitsgruppe zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Jenischen werde neben vielen anderen Themen auch darüber diskutieren.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt