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Das Gute am Stromausfall

Am Ende sind sie alle da: Der Senior in der beigen Jacke, der mürrisch behauptet, dass er «so etwas» gaaaanz anders organisieren würde; die sehr junge Frau, die – «so ein Scheiss!» – aufgeregt ihre Kontakte-Liste durchtelefoniert; der Geschäftsmann, der sich die Aktenmappe an die Brust presst wie eine Mutter ihr Baby; der coole Mittdreissiger, der vorschlägt, «man muss nur husten, dann machen die Leute sofort Platz»; die frisch verliebten Teenager, die mitten in diesem Gstungg knutschen, als ob sie alleine wären; die Südländerin, die subito heim zu ihren Bambini will oder die alte Frau, die gelassen darauf wartet, dass irgendetwas passiert. Sie alle verbindet an diesem Mittwochabend das selbe – naja – Schicksal. Sie alle wollten mit dem 17.55 Uhr-Zug in Richtung Solothurn fahren. Doch kaum hatten sie es sich auf ihren Einzelplätzen in ihren routiniert erkämpften und trickreich verteidigten Viererabteilen gemütlich gemacht, sagte der Mann im Lautsprecher, dass ein Stromausfall die Abfahrt verunmögliche. Aber: ein Ersatzbus stehe bereit. Wo dieser Bus steht und wann er fährt, verriet der Lautsprechermann nicht. Aber das war ja auch nicht sein Problem. Eine halbe Stunde später stehen die Passagiere immer noch beim Busbahnhof und harren des Ersatzbusses, der da einfach nicht kommt. Hin und wieder weht der Wind vom Bahnhof her eine unverständliche Durchsage zu den Wartenden, aber hingehen und zuhören mag niemand; es könnte ja sein, dass der Ersatzbus genau in dem Moment einfährt, in dem man am Bahnhof steht. Wenn jetzt jemand in einer orangen Weste mit dem Aufdruck «Information» daherkäme: Er würde umzingelt wie Robbie Williams in einer H&M-Filiale. Irgendwann, wie auf ein geheimes Kommando, drängeln sich die Leute aufs Geratewohl hin in den nächstbesten Bus. Der Chauffeur sagt zwar, er fahre, ganz normal, über Kirchberg an die Einkaufsmeile, lässt die zunehmend ungeduldigen Menschen aber gutmütig einsteigen. Lange brauchen die Leute die Luft nicht anzuhalten: In Kirchberg kann die Meute aus- und in den wundersamerweise bereitstehenden Ersatzcar umsteigen. Der Senior in der Windjacke, die junge Frau am Handy, der Geschäftsmann mit seiner Mappe, das Pärchen und viele, viele andere entern das Fahrzeug geordnet. Nach ein paar Kilometern ist auch diese Fahrt zu Ende: In Aefligen steht der Zug nach Solothurn, wo er mit einer Stunde Verspätung um 19.20 Uhr eintrifft. Für jene, die bei der Feierabend-Odyssee mit von der Partie waren, ist am nächsten Morgen im Zug nach Burgdorf das Gesprächsthema gegeben. Die Leute reden miteinander, statt sich, hinter Gratiszeitungen verschanzt, anzuschweigen. Die Strompanne hatte also auch eine schöne Seite. Johannes Hofstetter>

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