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«Der Islam ist für mich eine Art zu leben»

Region BernDie 24-jährige Fathima Ifthikar aus Utzenstorf und der 64-jährige Peter Hüseyin Cunz aus Mühledorf glauben an Allah und stehen ein für einen toleranten Islam. In einer Ausstellung erzählen sie und 18 weitere Berner Muslime aus ihrem Alltag.

Sie ist 24 Jahre jung, beruflich erfolgreich und spricht reinstes Berndeutsch. Sie trägt Jeans, einen modischen Pulli – und ein Kopftuch. Sie sagt: «Die islamische Art zu leben, passt für mich.» Fathima Ifthikar aus Utzenstorf ist eine von über 300000 Musliminnen und Muslimen in der Schweiz und steht für einen überzeugten und zugleich toleranten Islam. Geboren wurde Fathima Ifthikar in Sri Lanka. Als Dreijährige kam sie in die Schweiz. Ihre Eltern sind praktizierende Muslime, doch das sei für sie nicht entscheidend gewesen, betont sie. «Ich habe den Glauben selber entdeckt.» Viele kleine Dinge hätten sie zum Glauben an Allah geführt. Etwa die Dankbarkeit für das Wunder ihres Körpers. «Anzunehmen, dass ich von einem Affen abstamme, das kann für mich nicht sein.» Religiöse Bilderwelt Der 64-jährige Peter Hüseyin Cunz aus Mühledorf hat einen bedeutend längeren Weg hinter sich, bis er im Islam seine Erfüllung gefunden hat. Ebenso wie Fathima Ifthikar gibt er in einer aktuellen Ausstellung Einblick in seinen Alltag als Muslim (siehe Kasten). «Als Jugendlicher war ich ein Suchender; ich habe gespürt, dass es mehr geben muss, als man sieht.» Während des Studiums aber wuchsen die Zweifel. Er reiste um die Welt mit der Bibel als einziger Lektüre. Danach trat er aus der Kirche aus. Die Diskrepanz zwischen den Ansprüchen der Bibel und dem, was er in der Kirche sah, war zu gross. Doch die Suche nach dem Sinn des Lebens gab er nicht auf. Er suchte in der Esoterik, im Yoga, in der Theosophie – vergebens. Dann lernte er durch seine Frau, die Tochter eines Imam, einen weltoffenen Islam kennen. Er studierte den Koran und war begeistert. «Hier traf ich die religiöse Bilderwelt aus meiner Kindheit wieder.» Schliesslich lernte er den Sufismus kennen, eine mystische Richtung des Islam, die sich ganz der Liebe Allahs hingeben will. Heute ist der 62-Jährige Scheich, also Leiter, des sufistischen Mevlana-Ordens der Schweiz. Im Alltag ist es ihm eine Herausforderung, die islamischen Gebote in unsere Zeit hinein zu übersetzen. «Wir dürfen die traditionellen Werte nicht verwässern, sie aber in unserer Kultur realisieren.» Vernünftiger Koran «Ich bin überzeugt, dass der Koran mit dem gesunden Menschenverstand vereinbar ist», betont Fathima Ifthikar. Vieles werde heute mit dem Islam in Verbindung gebracht, was diesem im Grunde widerspreche. Zwangsheirat, Intoleranz, Gewalt oder Unterdrückung der Frauen etwa seien mit dem Koran nicht begründbar. Selbst das Kopftuch, mit dem sie sich kleidet, sollte nicht aus Zwang, sondern aus innerer Überzeugung getragen werden, sagt die junge Frau. Für sie sei es ein Bekenntnis und ein Schutz: «Ich wurde früher häufig auf zweideutige Weise angemacht.» Das habe sofort aufgehört, als sie das Kopftuch umband, obwohl sie auch heute sehr auf ihr Äusseres schaut. «Ich trage das Kopftuch für Gott.» Fünfmal am Tag betet Fathima Ifthikar in der Regel, das erste Mal vor Sonnenaufgang. «Im Sommer stelle ich den Wecker, stehe auf, um zu beten, und gehe dann wieder schlafen.» Das Gebet sei ihr ein Bedürfnis, eine Zeit der innigen Gemeinschaft mit Allah. Kleine Gebete begleiten sie durch den ganzen Tag. Vor dem Essen, beim Verlassen des Hauses, wenn sie ins Auto steigt – immer wieder spricht sie kurze Segensworte. «Islam, das ist für mich nicht nur ein Glaube. Es ist ein ‹way of life›, eine Art zu leben.» Minderheit ist tolerant Auch Peter Hüseyin Cunz hält sich nicht sklavisch an die Rituale und Gebote. «Der Koran sagt, wir sollen uns das Leben nicht unnötig schwer machen.» Die Beziehungen zu den Mitmenschen sollen von den Regeln nicht behindert werden. «Würde ich bei der Arbeit mehrmals am Tag den Teppich ausrollen, um zu beten, würde dies von den Kollegen als Provokation aufgefasst.» Es gebe zwar «schwierige» Aussagen im Koran, räumt Cunz ein, doch die gebe es in der Bibel auch. «Ich ecke bei Muslimen an, weil ich sage, der Koran sei nicht wörtlich zu nehmen.» Er sei ein Kommentar zu Geschehnissen der damaligen Zeit, aus dem man heute lernen könne. «Man kann den Koran nicht verstehen, wenn man die Geschichte dahinter nicht kennt.» Dass er mit dieser offenen Haltung nicht überall auf Verständnis stösst, ist ihm klar. «Eine Mehrheit der muslimischen Welt vertritt einen dogmatisch zementierten Islam, auch wenn nur ein kleiner Teil davon Gewalt befürwortet», sagt Cunz. Die meisten Muslime hätten verinnerlicht, nicht einmal in Gedanken eine Aussage des Korans infrage stellen zu dürfen. Das grosse Problem des heutigen Islam sieht Peter Hüseyin Cunz nicht in Angriffen von aussen, sondern in der Auseinandersetzung zwischen toleranten und fundamentalistischen Muslimen. Auch Fathima Ifthikar würde den Ansprüchen der Vertreter eines starren, rückwärtsgewandten Islam eher nicht genügen: «So, wie ich lebe, würden mich einige kaum als vollwertige Muslima anerkennen.»Thomas Uhland>

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