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Der prägeriatrische Polemiker liest

Wenn Wiglaf Droste zu den Worten greift, dann präzise und scharf. Er schaut und schreibt dahin, wo es wehtut. Von Thun hat er schon geträumt. Trotzdem verspricht er: «Keine

Seine Schreibmaschine Torpedo hat Wiglaf Droste längst ausrangiert. Aber nicht ganz freiwillig und schon gar nicht freudvoll. Doch beim Aufkommen der Computer sei er noch zu jung gewesen, um behaupten zu können, er schaffe die Umstellung nicht mehr, erklärt der Satiriker und Kolumnist. Heute schreibt der in Leipzig wohnende Ostwestfale zwar auf einem «kleinen, leichten und schönen Gerät», dennoch hat er für das Land Digitalien, wie er es nennt, nicht viel übrig. Es sei das dümmste und wertloseste, aber auch grösste Land der Welt. Mit Blogs, die nichts kosten würden und nichts wert seien, mag er sich nicht beschäftigen. Mit Printmedien hingegen schon. Nicht von ungefähr. War Droste einst doch selbst Redaktor, wenngleich nicht für lange: 15 Monate bei der damals linken Berliner Tageszeitung «taz», 12 Monate beim Satiremagazin «Titanic». Doch längst geht für ihn das eigene Schreiben vor. Sein erstes Buch, «Kommunikaze», erschien 1989, der aktuelle Wurf heisst «Im Sparadies der Friseure: Eine kleine Sprachkritik». Sprache wird misshandelt Die deutsche Sprache liegt ihm am Herzen, doch glaubt er sie häufig misshandelt. Dagegen lasse sich etwas tun: «Erst denken, dann sprechen. Nicht öffentlich telefonanieren. Und die Gebrüder Grimm lesen, im Original.» Droste, der sich beim Gespräch zuvorkommend und höflich zeigt, teilt in seinen Werken viel und gerne aus. Stets präzise, häufig unbarmherzig und meist polemisch. Im Wissen, dass Satire nur funktioniert, wenn sie sich ungerecht gebärdet. Da überrascht es nicht, dass er wegen seinen Wortattacken bereits mehrmals vor Gericht stand. Droste wurde von seiner Gegnerschaft als «Sexist», «Rassist» oder «Faschist» beschimpft. Jetzt befindet sich der Autor, der die Anschläge vom 11. September einst als «Geburtsstunde der bemannten fliegenden Architekturkritik» betitelte, selbst wieder auf ausgedehnter Lesereise. Solo. Die Zusammenarbeit mit dem Spardosen-Terzett, seine langjährigen musikalischen Begleiter, hat er ausgesetzt. Keine Komplimente Heute Abend ist er im Mokka in Thun zu Gast. Nicht zum ersten Mal. «Wenn ich als Tourist hierher komme, lasse ich mein Geld da; wenn ich zu einer Lesung komme, meine Gedanken und meine Sprache – und bekomme ein Honorar dafür.» Ihm gefalle beides, aber es sei gut möglich, dass manchem Thuner die erste Variante lieber sei. Als Deutscher hüte er sich ohnehin, Schweizern Komplimente über ihr Land zu machen. Das führe zu Argwohn und dem Verdacht, dass man sich hier niederlassen wolle. «Keine Bange, ich fahre wieder nach Hause zurück», verspricht er. Was nicht heisst, dass er die Stadt und ihren See vergisst. Er hat gar schon von ihnen geträumt, und zwar einen Dialog: «Was wollen wir Thun, Fisch?» – «Nach Sardinien ausbüchsen.» Beim Aufwachen habe er kaum glauben wollen, nicht am Thunersee zu sein. «Schon prägeriatrisch» Ob in Thun oder anderswo, Droste mag es aufzutreten. Das soll auch so bleiben, wenn er 2011 die 50er-Grenze überschreitet. «Freunde – also keine Grünen», die diese Altershürde schon passiert hätten, würden nun beginnen, ihm süss-maliziöse Blicke zuzuwerfen. «Wenigstens sprechen sie aber noch nicht über Gesundheitsthemen.» Er sei jetzt einfach mal gespannt, was da mit dem nächsten Geburtstag auf ihn zukomme. «Aber egal ob 49 oder 50, ich bin jetzt schon prägeriatrisch.» Michael Gasser Wiglaf Droste im Mokka, Allmendstrasse 14, Thun: Heute Mittwoch, 13. Oktober, 20.30 Uhr. >

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