Zum Hauptinhalt springen

Deutschland und der Mauerfall: Zweierlei Mass in den Köpfen

Blühende Landschaften und entvölkerte Dörfer:

Vielleicht ist es ja so, dass es sie in Wirklichkeit nie gegeben hat – wobei mit «sie» jetzt ein geschlossenes 16 oder 17 Millionen Leute umfassendes Kollektiv gemeint ist, das an diesem 9.November 1989 auf der anderen, der östlichen Seite der deutsch-deutschen Demarkationslinie lebte und allein schon deswegen auf den Fall der Mauer in Berlin mit «Wahnsinn»-Gebrüll, Trabbi-Paraden und Champagnerduschen reagierte. Vielleicht also standen neben all den Jubel-Deutschen an diesem Tag auch ein paar Leute, die sich Sorgen machten oder Fragen stellten: die, zum Beispiel, ob sie ihren Arbeitsplatz behalten würden oder ihre Wohnung. Die, zum Beispiel, was denn nun aus dieser Deutschen Demokratischen Republik werden würde, in der sie geboren und aufgewachsen waren und die, bei aller Kritik an SED und Stasi, doch so etwas war wie ihre Heimat. Und schliesslich wohl auch die, ob diese so viel kleinere, so viel schwächere DDR von der so viel grösseren, so viel stärkeren BRD nicht einfach geschluckt werde. Hoffnungen und Ängste Heute, 20 Jahre später, haben die einen mit ihren Hoffnungen genauso Recht behalten wie die anderen mit ihren Befürchtungen. Kaum zu leugnen doch, dass es die blühenden Landschaften, die Helmut Kohl einst verhiess, hier und da tatsächlich gibt – nur eben nicht ganz so flächendeckend wie erwartet. Kaum zu leugnen auch, dass die rund eine Billion Euro, die nach 1990 in die neuen Bundesländer floss, den Bau hochmoderner Strassen und Telekommunikationssysteme, Spitäler, Schulen und Hochschulen erlaubte. Dass es in der ehemaligen DDR ökonomisch heute vielen besser und kaum jemandem schlechter geht als damals, lässt sich ja schon an den Autos erkennen, die in Magdeburg, Erfurt oder Leipzig am Strassenrand stehen. Trabbis sind da selten geworden. Und doch dürfte der Diagnose des Bielefelder Sozialwissenschaftlers Wilhelm Heitmeyer, nach der sich die Deutschen der Welt zwar als eine Nation präsentieren, aber immer noch in zwei deutlich voneinander unterscheidbaren Gesellschaften leben, nicht zu widersprechen sein. Ein Blick auf die Karte genügt: Östlich der alten Demarkationslinien feiert die Linkspartei ihre Triumphe, beherrschen neonazistische Kameradschaften ganze «national befreite» Zonen, liegt die Arbeitslosigkeit weit über, die Mitgliedschaft in Kirchen, Parteien oder Institutionen der Zivilgesellschaft aber weit unter dem Durchschnitt. Kein einziger Fussballverein aus Ostdeutschland spielt heute im Oberhaus der deutschen Kickerelite, der erste Bundesliga. Die Löhne und Gehälter sind im Osten weiterhin erheblich niedriger als im Westen, was zu geringem Steueraufkommen und hohen Fehlbeträgen der Sozialsysteme führt. Verödete Dörfer Noch immer ziehen Jahr für Jahr rund 150000 Ostdeutsche nach Westen: junge Frauen zumal, die daheim keine Arbeit geschweige denn einen passenden Mann finden, verlassen in Scharen die landschaftlich vielleicht reizvollen, kulturell und ökonomisch aber verödeten Dörfer und Städte zwischen Thüringer Wald und Ostsee. Zurück bleiben Leute, die sich benachteiligt fühlen und es zuweilen ja auch sind. Wer 1989/1990 Mercedes und Mallorca erwartete, sich nicht mit Polen oder Ungarn verglich, sondern mit Bayern oder Hamburgern, sieht sich heute als Verlierer, an dem zwar nicht die Probleme, gewiss aber die Segnungen des real existierenden Kapitalismus spurlos vorübergegangen sind. Damit nicht genug. Noch 20 Jahre nach dem Untergang der DDR muss sich das politische Personal in Ostdeutschland einer demütigenden Überprüfung seiner Vergangenheit unterziehen. Da hat die Brandenburger Linke Kerstin Kaiser als junge Studentin Berichte für die Stasi geschrieben. Das ist zwar bald 25 Jahre her, das hat Kerstin Kaiser zwar nie verschwiegen. Aber Ministerin darf sie nicht werden. Ganz so, als habe Konrad Adenauer 1949 auch nur zehn Minuten lang regieren können, wären an die Biografien seiner Anhänger ähnlich rigorose moralische Ansprüche gestellt worden. Das Messen mit zweierlei Mass ist nun einmal eine gute deutsche Tradition. Merkel und Rotkäppchen Wirtschaftsexperten rechnen damit, dass mindestens noch zwanzig, vielleicht aber sogar fünfzig Jahre vergehen werden, bis sich die ökonomischen Lebensverhältnisse im Osten denen im Westen Deutschlands angeglichen haben. Millionen haben den Stasi-Film «Das Leben der Anderen» gesehen, Uwe Tellkamps DDR-Roman «Der Turm» wurde zum Bestseller. Aber nicht einmal jeder vierte Westdeutsche ist zwischen 1990 und heute nach Ostdeutschland gereist, und eine glorreiche Nationalgeschichte, auf die sich alle berufen könnten, steht nicht zur Verfügung. Keine guten Aussichten also? In der Elbe gibt es wieder Fische, in Brandenburg nisten wieder Störche. An der Dresdner Semperoper wird Christian Thielemann dirigieren. Die Frauenkirche wurde wiederaufgebaut. Die Universitäten von Jena und Greifswald haben einen vorzüglichen Ruf. Rotkäppchen-Sekt verkauft sich überall auf der Welt, die Kanzlerin kommt aus Mecklenburg. Und vielleicht, eventuell, möglicherweise und unter Umständen schafft «Eisern»-Union aus dem Ostberliner Köpenick ja sogar den Aufstieg in die erste Bundesliga. Schön wärs. Claus Menzel,Berlin . >

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch