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Die Architektur der Attraktivität

GesichterSchönheit ist nicht Geschmackssache, wie Wissenschafter herausgefunden haben. Im Gegenteil: Sie ist messbar. Und weltweit gilt dasselbe als schön.

Man glaubt es ungern: Studien belegen, dass uns Menschen ein kurzer Blick genügt, um über die Schönheit anderer zu urteilen. Daniel Haag-Wackernagel: Das ist so. Es ist erstaunlich, was das Gehirn an Infos aus dem Bild eines Gesichts rauslesen kann, das einem nur eine Zehntelsekunde lang gezeigt wird: Geschlecht, Alter, Gemütszustand und auch die Attraktivität. Das kann man beim Zappen überprüfen: Der Eindruck, den man innert Sekundenbruchteilen vom Aussehen eines Fernsehmoderators erhält, bestätigt sich meist. Diese Fähigkeit, andere rasch beurteilen zu können, ist enorm wichtig. Wichtig weshalb? Da jedes Lebewesen seine Gene erfolgreich in der Population verbreiten möchte, sucht es sich einen Partner mit guten Genen aus. Und da man Gene nicht sehen kann, erfolgt die Wahl über Merkmale, die wir mit den Sinnesorganen erfassen können – Stimme, Geruch und Aussehen. Andere so oberflächlich bewerten – tun wir das die ganze Zeit? Ununterbrochen. Das tun sogar ganz alte Menschen, die schon längst aus dem Fortpflanzungsgeschehen heraus sind. Das läuft automatisch ab. Wer also nicht mit Schönheit gesegnet ist, wird unbewusst x-mal täglich im Gehirn der Mitmenschen ausrangiert? Ausrangiert wäre zu viel gesagt. Aber als weniger attraktiv eingestuft, das schon. Auch wenn ich vorhin von «Partnerwahl» geredet habe, meine ich damit nur das erste flüchtige Beurteilen, die «Discosituation». Dabei spielt die Attraktivität eine wichtige Rolle. Wenn das Aussehen einer Person unserem Beurteilungsbild – einer Art Schablone – entspricht, beginnen alle Lämpchen zu blinken. Bei der Paarbildung und im Leben überhaupt spielen natürlich noch ganz andere Komponenten mit rein: Charaktereigenschaften, Vitalität, Bildungsgrad, Humor und so weiter. Und zum Glück sind ja auch die Geschmäcker sehr individuell Denkt man. Aber die Regeln, nach denen wir Schönheitsideale aufbauen, sind universell – sprich für alle Menschen gleich, auch in anderen Kulturen. Aber ein schönes europäisches Gesicht hat doch wenig Ähnlichkeit mit einem schönen afrikanischen Gesicht! Man hat die Gesichter von Menschen verschiedener Rassen ausgemessen und verglichen. Dabei hat man festgestellt, dass es die gleichen Faktoren sind, die ausmachen, ob ein Gesicht als attraktiv beurteilt wird. Die Tatsache, dass es bei uns viele schwarze Fotomodelle gibt, zeigt ja, dass diese Schönheitssignale auch bei Weissen funktionieren. Können Sie diese universellen Schönheitsmerkmale erläutern? In Tests hat man ermittelt, dass sowohl bei Männer- als auch bei Frauengesichtern die Augengrösse und die Attraktivität positiv korrelieren. Ebenso verhält es sich mit hervortretenden Wangenknochen. Auch sehr wichtig ist die Breite des Lächelns – interessanterweise mehr bei Frauen- als bei Männergesichtern. Dann gelten bei Männern und Frauen nicht dieselben Merkmale als attraktiv? Manchmal gelten sogar konträre Ausprägungen als attraktiv: Bei Frauen werden weit auseinanderstehende Augen als attraktiv beurteilt, bei Männern sind es eng beieinanderstehende Augen. Ähnlich verhält es sich mit dem Unterkiefer: Bei Frauen gefallen kleine, bei Männern möglichst grosse. Interessant ist auch, dass ein grosser Abstand der Augen zu den Brauen bei Frauen für Attraktivität steht, bei Männern hat dieses Merkmal aber kaum Einfluss auf die Attraktivität. Mit Sicht auf diese Erkenntnisse: Wie erklären Sie den Sinn und Zweck von Make-up? Es geht ganz klar darum, die Schönheitsmarker noch zu verstärken. Die Nase wird gepudert, um sie kleiner zu machen, die Augen werden dunkel umrandet, um sie grösser erscheinen zu lassen. Die Brauen werden gezupft und nachgezeichnet, um sie nach oben zu versetzen, Rouge auf den Wangen simuliert hervortretende Wangenknochen. Bei Models werden auf Fotos oft die Pupillen vergrössert Bei Sympathie und Erregung weiten sich die Pupillen. Das wirkt aufs Gegenüber attraktiv. Nicht umsonst vergrösserte man früher die Pupillen künstlich mit Tollkirschenextrakt. Für die Attraktivität von Erwachsenen spielen scheints auch kindliche Merkmale eine Rolle. Die Reizkombination des sogenannten Kindchenschemas wirkt über Artengrenzen hinweg. Wer findet ein junges Hündchen nicht süss? Auch eine Hündin erkennt menschliche Kinder. Sie lösen bei ihr ein Betreuungsverhalten aus, ebenso wie das junge Hunde bei uns bewirken. Und diese Merkmale wären? Kleine Nase, grosser Kopf, grosse Augen im Verhältnis zum Kopf, Schmollmund, gewölbte Stirn, feine, rosa Haut. Einige dieser Merkmale gelten auch bei Männern als attraktiv. Denken Sie etwa an die kleine Nase von Pierce Brosnan oder die grossen Augen von George Clooney. Es ist eine Mischung aus Merkmalen des Kindchenschemas und Merkmalen der sexuellen Reife, die ein attraktives Gesicht ausmachen. Und schliesslich ist es auch eine Frage der Symmetrie. Symmetrische Gesichter sind attraktiver als unsymmetrische? Ja. Menschen ziehen Partner mit symmetrischen Gesichtern und Körpern klar vor. Diese Präferenz konnte man sogar schon bei Neugeborenen in Tests nachweisen. Man erklärt das so: Starke Asymmetrien können auf genetische Störungen, auf eine instabile Embryonalentwicklung und auch auf eine erhöhte Krankheitsempfänglichkeit hinweisen. Der Glöckner von Notre-Dame, der ja als besonders hässlich gilt, wird zum Beispiel immer mit stark asymmetrischem Gesicht dargestellt. Interessant ist allerdings: Leicht asymmetrische Gesichter schneiden besser ab als solche, die am Computer auf perfekte Symmetrie getrimmt wurden. Dafür gibt es noch keine biologische Erklärung. Vielleicht weil absolute Perfektion irgendwie langweilig ist? Möglicherweise. Auch wenn Sie Bilder symmetrisch an die Wand hängen, ist das langweilig. Wahrscheinlich braucht das Auge eine Art Pol. Nadine Strittmatter beweist etwa, dass leichte Asymmetrien sehr attraktiv sein können. Oft finden wir ja auch Menschen umwerfend, die Falten haben oder eine krumme Nase. Sogenannte Charaktergesichter. Wie erklärt das die Wissenschaft? Man muss zwischen Ästhetik und sexueller Attraktivität unterscheiden. Auch ein 90-jähriges Gesicht kann eine gute Ausstrahlung haben. Wir haben ja bisher nur von der ersten flüchtigen Beurteilung geredet. Die Ausstrahlung hat nichts mit der Architektur des Gesichtes zu tun. Womit denn sonst? Eher mit der momentanen Stimmung, der Vitalität, der Fröhlichkeit oder dem allgemeinen Gesundheitszustand. Bei Frauen spielt auch der Zykluszustand eine Rolle: Eine Frau wirkt attraktiver zur Zeit des Eisprungs, also wenn sie am fruchtbarsten ist. Man hat in Tests gezeigt, dass dann ihre Augen stärker leuchten, ihre Brüste symmetrischer werden, ihre Stimme höher und ihre Haut straffer wird. Wollen Sie uns jetzt veräppeln? Nein. Fruchtbarkeit und Attraktivität sind tatsächlich verbunden. Es gibt mehrere neuere Arbeiten, die wie eine Bombe eingeschlagen haben und die bisher gängigen Meinungen über den Haufen geworfen haben. Die polnische Forscherin Grazyna Jasienska konnte zeigen, dass sogenannte Barbie-Frauen, also solche mit schmaler Taille und grossen Brüsten, auch effektiv die optimalen Hormonspiegel für eine Schwangerschaft haben. Die höchste Fruchtbarkeit findet man bei Frauen, bei denen die Taille – wie bei Barbies – 70 Prozent des Hüftumfangs ausmacht. Aber es gibt doch zuhauf bildhübsche Menschen, die ungewollt kinderlos sind. Oder hässliche mit Scharen von Kindern Natürlich. Da wird jeder viele Beispiele in seinem Umfeld kennen. Das hat mit dem Gesagten aber nichts zu tun. Man muss unterscheiden zwischen einer ererbten Unfruchtbarkeit und einer, die durch eine Infektion, einen Unfall oder psychische Probleme bedingt ist. Nicht jede Infertilität hat mit den Hormonen zu tun. Aber es gibt Hormonspiegel, die optimale Fruchtbarkeit garantieren. Und diese korrelieren mit gewissen Körpermerkmalen. Okay. Trotzdem frustrierend für diejenigen unter uns, die nicht mit Schönheit gesegnet sind Ja, das ist ungerecht. Es geht durch diese wissenschaftlichen Erkenntnisse auch viel Trost verloren. «Schönheit ist Geschmackssache», sagte man immer. Und jetzt sieht man halt, dass das nicht so ist. Es ist in Gottes Namen so, dass schöne Menschen in manchen Lebensbereichen Vorteile haben. Sie werden laut Untersuchungen sogar von Richtern milder bestraft als unattraktivere Menschen. Interview: Annette WirthlinAusstellung Das Anatomische Museum Basel zeigt bis am 28.Februar die Sonderausstellung «Die verschiedenen Gesichter des Gesichts». Weblink: anatomie.unibas.ch/museum. >

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