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Die Rechenspiele der Tennisstars

Die ganze Halle ist dunkel, nur der grosse Videowürfel, der hoch über dem Centre Court hängt, sorgt für etwas Licht. Auf den Bildschirmen ist zu sehen, wie Roger Federer von der Garderobe durch die Katakomben Richtung Arena marschiert. Rund um den Baselbieter steigen Rauchschwaden auf. Aus den Lautsprechern kommt ein regelmässiges Klopfgeräusch – es soll den Herzschlag des weltbesten Tennisspielers darstellen. Um den Effekt zu verstärken, wird auf dem Bildschirm, der sich rund um die Tribüne zieht, ein Herz-Rhythmus-Diagramm gezeigt. Als Federer und sein Kontrahent Juan Martin Del Potro mit dem Stuhlschiedsrichter das Aufschlagsrecht auslosen, stehen sie in einem Lichtkegel am Netz. Erst als sie sich fürs Einspielen an die Grundlinien begeben, werden alle Scheinwerfer eingeschaltet. Die Show stimmt an den ATP World Tour Finals in London. Hinter den Kulissen ist hingegen nicht alles Gold, was glänzt. Das ungewohnte Format und das schwammig formulierte Reglement sorgen für Konfusion; die Rechenspiele überfordern selbst die direkt Beteiligten. Andy Murray verlangte am Nachmittag im dritten Satz der Partie gegen den Spanier Fernando Verdasco den Supervisor Gerry Armstrong , um eine Unsicherheit bezüglich des Modus auszuräumen. Nachdem der Schotte den Match 6:4, 6:7 (4:7), 7:6 (7:3). Für sich entschieden hatte, sagte er allerdings, «so kompliziert ist es nun auch nicht». Die verzwickte Situation sorgte am Nachmittag allerdings vielerorts für Verwirrung. Selbst hochrangige ATP-Vertreter interpretierten das Reglement falsch und verteilten im Pressezentrum Blätter mit merkwürdigen Szenarien: Würde Federer gegen Del Potro in zwei Sätzen unterliegen, stünde er im Halbfinal, bei einer 3-Satz-Niederlage müssten hingegen Games ausgezählt werden, weil Murray, Federer und Del Potro sieg- und satzgleich wären. Gayle David Bradshaw, der «Regelpapst» der ATP, setzte der Konfusion per Telefon ein Ende. Als Federer den Match kurz vor 22 Uhr Schweizer Zeit eröffnet, ist die Ausgangslage klar: Sieg für Federer – Del Potro scheidet aus; 2:0 für Del Potro – Federer scheidet aus; 2:1 für den Argentinier – jener Spieler, der in den drei Gruppenspielen prozentual am wenigsten Games gewonnen hat, ist draussen. Vorteil Federer heisst es also vor dem ersten Ballwechsel. Allerdings nicht für lange: Der US-Open-Champion beginnt extrem stark, nimmt der Nummer 1 gleich deren erstes Servicegame ab und holt sich den ersten Durchgang im Schnellverfahren mit 6:2. Del Potros Landsmann Carlos Tevez, Stürmer bei Manchester City, nimmt die Entwicklung der Partie mit Freunde zur Kenntnis. Das Momentum ist nun ganz klar auf der Seite des schlaksigen Jünglings aus Tandil – verliert Federer auch den zweiten Satz, ist das Finalturnier und die Saison für ihn vorzeitig zu Ende. Obwohl Del Potro der Aggressor bleibt, erreicht der Baselbieter das Tiebreak. 2:4 liegt er zurück, später 4:5 mit Minibreak. Doch einmal mehr erweist sich Federer als Entfesslungskünstler: Er gewinnt die Kurzentscheidung 7:5 und quittiert den Satzgewinn mit einem Schrei der Erlösung. Er steht als Halbfinalist fest, während der Argentinier in ein Fernduell mit Murray verwickelt ist. Zwei gewonnene Games später ist Federer Gruppensieger. Del Potro kommt nur weiter, wenn er im dritten Satz mindestens mit 6:3 reüssiert, doch so genau wird er es nicht wissen. Zu kompliziert sind die Rechenspiele. Er schafft das Break zum 5:3, triumphiert 6:3 und wirft Murray aus dem Turnier – mit 45:43 gegenüber 44:43 Games. Adrian Ruch, London >

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