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Die Seelentankstelle

Filme sind Stefan Theilers Welt. Sie sind Beruf und Hobby zugleich. Der 27-jährige Innerschweizer hat sich in Berns Altstadt mit «Dr.Strangelove», einem kleinen Videoverleih, einen lange gehegten Traum

Dr.Strangelove ist ein unangenehmer Geselle. Die Titelfigur im gleichnamigen Film von Stanley Kubrick ist ein an den Rollstuhl gefesselter Nazi, Atomphysiker und Zombiewissenschaftler von Beruf, der im Kalten Krieg für die Vereinigten Staaten Bomben baut und Abschreckungsstrategien austüftelt; am Schluss liegt die Welt in Schutt und Asche. Ein gruseliger Fanatiker also. Eigentlich keine Identifikationsfigur. Trotzdem nennt Stefan Theiler seine Videothek und auch ein wenig sich selber so. Steckt in ihm ein Monster? Ähnlichkeiten gibt es schon. An seiner Seelentankstelle verschreibt Dr.Strangelove Antidepressiva und Aufputschmittel. «Woody Allen», sagt er, «ist mein persönlicher Psychiater.» Und er vermittelt ihn gerne weiter, vor allem an Paare. «Allerdings würde ich die ganz grossen Paarneurosen keinen frisch verliebten Zwanzigjährigen mitgeben. Um sich darin wiederzuerkennen und über sich selber zu lachen, braucht es schon ein wenig Beziehungserfahrung.» Jugendlichen empfiehlt er Filme wie «Milk», «Jolly Roger» oder «Berner Beben», um sie anzuregen, über Politisches nachzudenken. Deutsche führt er als Erstes zum Regal mit den Schweizer Filmen und legt ihnen «Die Schweizermacher» ans Herz, «Höhenfeuer» oder auch «Dällenbach Kari», dem Opa und seiner Enkelin «Cinema Paradiso», damit sie zusammen lachen und weinen können. Fanatiker und Missionar Der 27-jährige Doktor traut sich zu, nach einer gründlichen Untersuchung für jeden individuell das richtige Rezept auszustellen. Wie sein Namenspate ist Stefan Theiler ein Fanatiker. Und wie alle Fanatiker ist er auch ein Missionar. Musste er in seinem früheren Leben als Werber multinationalen Konzernen bei der Profitmaximierung helfen, empfiehlt er heute nur noch, was er selber gut findet: Filmklassiker, Autorenkino, Dokus, Kinder- und Musikfilme. Nach «Avatar» fragen Kunden vergebens. Dass in dem kitschigen und pathetischen Naturschutzmärchen solche Massen an Geld und Technik stecken, gefällt ihm nicht. Lieber hat er ernsthaftere Auseinandersetzungen mit dem Weltgeschehen, etwa die Mediensatiren «Network» und «Wag the Dog» oder auch «Wall Street» von Oliver Stone, der Einblick bietet in die Hinter- und Abgründe der Wirtschaftswelt. Dr.Strangelove heisst auf Deutsch Dr.Seltsam. Und ein wenig seltsam ist das Leben, das Stefan Theiler seit Anfang dieses Jahres führt, schon. Sieben Tage die Woche steht er ab 14 Uhr in seinem kleinen Laden an der Rathausgasse 38, inmitten Wände voller DVDs. Er sortiert Filme, er spricht über Filme, hört Filmmusik, manchmal schaut er Filme. Und wenn er den Laden um 10 Uhr abends schliesst, legt er sich auch noch selber auf die Couch und sichtet Filme: schaut sie mehrmals, spult vor und zurück, macht sich Notizen, erstellt Listen seiner Lieblingstitel. Für viel mehr bleibt da keine Zeit. Ab und zu ein Höck in einer Altstadtbeiz oder ein Morgenspaziergang an der Aare. Glücksucher Manche Filme begleiten ihn schon sein halbes Leben. «Die Müssiggänger» von Federico Fellini zum Beispiel. Es ist die Geschichte von fünf Freunden. Ähnlich wie in einer Boygroup, repräsentieren die jungen Männer je einen speziellen Charaktertypen und laden dazu ein, sich in einem von ihnen wiederzuerkennen. Hatte sich Stefan Theiler früher eher mit Fausto, dem Frauenhelden, identifiziert, ist ihm heute Moraldo näher, der die provinzielle Heimatstadt verlässt und sein ganz eigenes Glück in der weiten Welt sucht. Bern ist zwar nicht gerade die weite Welt. Aber mit seinem Laden hat sich auch Stefan Theiler einen Traum erfüllt. Er versucht, der grossen Welt des Kinos in seiner liebevoll eingerichteten Oase ein Zuhause zu bieten. Wie alle Gewerbler, klagt auch Stefan Theiler über die «Verwaltungsmentalität» der Hauptstadt. Trotzdem liebt er sie und auch seine Gasse. Der Innerschweizer ist gut integriert. Eine Dame aus der Nachbarschaft hat ihm Bänke und einen Sessel geschenkt, wo er jetzt mit Kundinnen und Besuchern in der Sonne Kaffee trinken und plaudern kann. Diesen Teil des Geschäfts möchte er noch ausbauen. In Anlehnung an Jim Jarmusch, eröffnet er im Juli das Gassencafé Coffee and Cigarettes. Damit, und ab dem 10.Juli mit wöchentlichen Samstagskonzerten, möchte er mehr Leben in die untere Altstadt bringen. Nebst Blaser-Kaffee, in Bern geröstet, wird er auch Bionade ausschenken, Elmer Citro und Sirup vom Sirupier de Berne. Coca Cola und Red Bull wird es, wie auch «Avatar», nicht geben. Anina Bundi>

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