Zum Hauptinhalt springen

Drähte laufen heiss bei Ohneweins

Vom Küchentisch aus kämpfen sie gegen den Grosskonzern. Die Tierärzte Ursula und Fritz Ohnewein auf dem Längenberg bilden den Kern des Widerstandes gegen die BKW-Stromleitung Wattenwil– Mühleberg.

Schon wieder sollen sie sich fürs Foto aufstellen, der Strommast im Hintergrund, noch einmal in die Kamera lächeln und dabei möglichst siegesgewiss aussehen. Die Ohneweins aus Oberbütschel geben dem Kampf gegen die Hochspannungsleitung ein Gesicht. Und doch ist ihnen das Interesse an ihrer Person nicht ganz recht. Wenn plötzlich Journalisten am Küchentisch sitzen und fragen, wie es denn sonst so aussieht im Alltag der Ohneweins, abgesehen vom Kampf gegen die Hochspannungsleitung der BKW. Etwas verlegen beantworten sie die persönlichen Fragen – ganz entschieden jedoch diejenigen zu den Strommasten vor ihrem Haus. Ein Team seit 20 Jahren Ursula und Fritz Ohnewein (49 und 53) sind ein Team, beruflich, privat und was den Strom, ihr «grösstes Hobby», betrifft. Beim Studium in Bern haben sie sich kennen gelernt, seit 1990 sind sie verheiratet und seit 1993 führen sie gemeinsam die Praxis für Grosstiere, Pferde und Kleintiere. Wer einmal am gemütlichen Holztisch in der Küche gesessen und einen Blick zum Fenster hinaus auf die Idylle und den Belpberg geworfen hat, versteht, wofür sie kämpfen. Geburt einer IG Ein bisschen wie die Jungfrau zum Kind sei er zu seinem Amt als Präsident der IG Umweltfreundliche Hochspannungsleitung Wattenwil–Mühleberg (IG-UHWM) gekommen, erzählt Fritz Ohnewein. Aber irgendjemand habe die Führung ja übernehmen müssen, als die Pläne der BKW bekannt wurden. Die Leitung aus den 40er-Jahren führt 70 Meter neben dem Haus der Ohneweins vorbei und soll in Zukunft anderthalbmal so hoch und etwa zehnmal so stark sein. Bei einer ersten Infoveranstaltung zu den Risiken des Starkstroms sei das Interesse der betroffenen Anwohner riesig gewesen, und als dann die Einsprachen folgten, war klar, dass sie sich zu einer Gruppe zusammenschliessen mussten. 2004 war das, und die IG wurde schliesslich just an diesem Küchentisch aus Tannenholz ins Leben gerufen. Seitdem folgten Einsprachen auf Baugesuche und eine Motion auf unzählige Beschwerden. Das Telefon klingelt. Während Fritz Ohnewein dem Anrufer erklärt, welche Salbe dessen Katze benötigt, knüpft Ursula Ohnewein nahtlos an seine Ausführungen an. Das Team ist eingespielt. Für die Kinder «Unser Hauptanliegen sind die gesundheitlichen Bedenken und der Landschaftsschutz», sagt sie. Und fügt hinzu, dass sie sich für ihre Kinder etwas anderes wünscht, als eine Hochspannungsleitung vor dem Fenster. Die drei Buben, 14, 16 und 18 Jahre alt, sind mit dem etwas speziellen Hobby ihrer Eltern aufgewachsen. «Sie haben schon im Kindergartenalter Strommasten gezeichnet», erinnert sich Fritz Ohnewein – zurück vom Telefon – lachend. Ausserdem wolle man ihnen etwas vorleben: dass man Dinge verändern kann, wenn man nur den Mut hat, aufzustehen und zu informieren. «Das Verrückte an der Sache ist: Eine Stromleitung im Boden wäre machbar, doch Grosskonzerne wie die BKW setzen sich nonchalant mit einem süffisanten Lächeln über die Interessen der Anwohner hinweg», echauffiert sich der Tierarzt. Die Technologie existiert und ist zwar teurer als herkömmliche Leitungen, dafür sei sie aber medizinisch unbedenklich. Dass ein Konzern seine wirtschaftlichen Interessen über alles andere stelle, das will sich das Ehepaar nicht bieten lassen. Seit die IG-UHWM Grossräte und Parlamentarier für ihren Kampf gewinnen konnte, ist die Stromleitung eine nationale Frage. Ab Juni wird sich das Bundesverwaltungsgericht damit befassen. Wenn ihre Beschwerde dann abgewiesen wird, will die IG sie auch vor Bundesgericht weiterziehen. «Es sollte überall so sein» Ursula Ohnewein ist überzeugt, dass die Leitung eines Tages dort sein wird, wo sie ihrer Meinung nach hingehört: «Es ist eine Frage der Zeit: Irgendwann wird sie unter dem Boden sein.» Und dann? «Wir haben uns gesagt: Wir kämpfen für diese Sache in unserer Region. Aber je länger, je mehr denkt man schon: Es sollte überall so sein, all die Leitungen sollten unter den Boden.» Der Plan sei dennoch, das Kriegsbeil spätestens mit der Pensionierung in einigen Jahren zu begraben. Dann werden sie endlich Zeit für ein neues Hobby haben. Martina Bisculm>

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch