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Ein afrikanisches Weihnachtsmärchen

AsylEin afrikanisches Ehepaar, durch ein Unglück getrennt, findet sich im Kanton Bern wieder. Was wie eine Weihnachtsgeschichte klingt, entpuppte sich als Märchen. Von den Schwierigkeiten im Alltag der Berner Migrationsbehörden.

Die frohe Botschaft kam zum ersten Advent: In Bern hat sich ein junges schwarzafrikanisches Ehepaar wiedergefunden. Verloren hatte es sich angeblich im Juni 2008 auf der Flucht aus Libyen bei einem tragischen Bootsunglück vor Lampedusa. Nach monatelangem Warten haben die beiden mit ihrem letzten Geld zwei Plätze auf einem überfüllten Kutter nach Europa ergattert. Kurz vor dem italienischen Zielhafen kommt es zum Drama: Das Boot bricht in einem Sturm auseinander. Dutzende ertrinken. Der junge Mann versucht verzweifelt, seine Frau auf einem schwimmenden Brett festzuhalten. Doch seine Kräfte schwinden – er muss die Geliebte loslassen. Er hat Glück: Die italienische Küstenwache rettet ihn. Seine Frau bleibt während dreier Jahre verschollen. Intensive Hühnerhaut Bis jetzt: Ende November meldete sie sich bei den Berner Behörden. Walter Zbinden vom Dienstbereich Soziales des Berner Migrationsdienstes erinnert sich: Am Vormittag des 30.November sei die Frau am Schalter an der Eigerstrasse in Bern gewesen. «Weil sie nur wenig Englisch spricht, verstanden wir erst nicht, was sie wollte.» Die Nachfrage im Berner Asylzentrum, in dem die Frau untergebracht ist, bringt Licht in die Sache. Die Frau sucht ihren Mann. «Sie nannte uns seinen Namen und Geburtsdatum», so Zbinden. «Wir konnten ihn tatsächlich in einem Asylzentrum im Neuenburger Jura ausfindig machen.» Noch am selben Tag ermöglichen die Behörden dem Ehepaar ein Treffen in Bern. Die beiden lagen sich weinend in den Armen. Ein Moment, der laut Zbinden unter die Haut ging. «Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so lange und intensiv Hühnerhaut hatte.» Kurze Freude Die Eheleute wollen die Geschichte von ihrer Zusammenführung dieser Zeitung erzählen. Als wir das Paar und Walter Zbinden einige Tage später in der Cafeteria des Migrationsdienstes treffen, ist die Freude verflogen. Ein Blick in die Akte des Mannes hat laut Zbinden gezeigt, dass er ein sogenannter Dublin-Fall ist, und ihn die Neuenburger Behörden diesen Herbst nach Italien ausgeschafft haben. Denn dort hatte er bereits ein Asylgesuch gestellt. Eigentlich dürfte er gar nicht wieder hier sein, denn die Behörden belegten ihn mit einem Einreiseverbot. Der Mann reiste trotzdem illegal wieder ein. Warum er jetzt in einem Neuenburger Asylzentrum lebt, statt in Ausschaffungshaft zu sein, ist eine vieler unbeantworteter Fragen. Ohne Details zu verraten, erklärt Zbinden, dass sich die beiden in den Befragungen widersprächen. Er bezweifelt mittlerweile, dass sie überhaupt zusammen gereist sind. Wenn überhaupt, dann sei der Mann alleine auf dem gekenterten Boot gewesen. Unklar ist inzwischen auch, ob die zwei wirklich verheiratet sind – der Mann beharrt nun plötzlich darauf, ledig zu sein. Papiere, die das eine oder andere beweisen, haben sie nicht. Dass der Mann Nigerianer ist, weiss man sicher, weil er es zugibt. «Ans Gute glauben» «Es ist schwierig, die Wahrheit herauszufinden, manchmal erfahren wir sie nie», sagt Zbinden, der sich täglich mit solchen Unwahrheiten auseinandersetzen muss. Dennoch ist er noch immer davon überzeugt, dass die beiden zusammengehören. So, wie sie sich beim Wiedersehen in den Armen gelegen hätten –das könne man nicht spielen. «Man muss auch ans Gute glauben», sagt er. Das Paar scheint darauf zu spekulieren. Es will Geschichte der Zusammenführung publiziert sehen. Denn dies könnte neue Möglichkeiten eröffnen. Etwa, dass sich Anwälte, Hilfs- oder kirchliche Organisationen einschalten und bei den Behörden und vor Gericht eine Aufenthaltsbewilligung erstreiten. Oder zumindest mit Beschwerden und Wiedererwägungsgesuchen die Ausschaffung jahrelang verzögern. «Vielleicht», sagt der Mann denn auch, «können wir dann trotz Dublin hier bleiben.» Andrea Sommer>

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