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Einen kennen, der einen kennt

Matthias Kunz

Die Frage, woher man stammt, ist bekannt. Ich sage dann immer: «Aus Langenthal.» Roggwil kennt ja eh keiner, ausser ein paar angegrauten Alt-Ravern, wenigen kart-o-philen Rasern und sehr wenigen indizierten Fans einer rechten Band von hier geborenen Kleinkriminellen. Also alles Dinge, die ein kleines Dorf über seine Grenzen hinaus erstrahlen lassen. Ich sage also Langenthal, und die Leute schauen mich bemitleidend an und meinen: «Kanton Aargau?» Ich nicke verständnisvoll. Dann folgen wie auswendig gelernt die weiteren Konstanten: der Durchschnitt, die Porzellanfabrik, (nicht) gebautes Minarett, die Pnos. Alles Dinge, die den Horizont eines grossen Dorfes erstrahlen lassen. Seit kurzem könnte ich sagen: «Langenthal = Bundesrat», der quasi mit der eigenen Firma verheiratet ist und dessen Namensnennung immer wie ein Werbespruch anmutet. Die Augen der Leute würden leuchten, ihre Herzen sich erwärmen und alle ehrfürchtig staunen: «Ah, oh, Langenthal.» – Vielleicht. Wenn man die Reaktionen verfolgt, scheint die Herkunft das Wichtigste zu sein. Lokalpatriotismus pur. «Wir sind Bundesrat», soll ein Festredner einfältig die fünfjährige «Bild»-Zeitung-Schlagzeile abgekupfert haben. Aber wissen wir zum Beispiel, wo Herr Burkhalter wohnt? Ist es wichtig? Können wir stolz sein, dass einer der Unseren ins honorige Amt erhoben wurde? Macht es Sie stolz, dass Sie einen kennen, zu kennen glauben, oder einen kennen, der einen kennt, der ihn kennt? Werden Sie zu kleinen Trittbrettbundesberühmtheitsräten. Strahlt die Würde auf uns alle? Hätte es jeden von uns treffen können? Ist gar zu befürchten, dass jedem so zugejubelt würde? Schnell gings vom Kleinstadtpatron zum Dorfheiligen, und es beschleicht einen das Gefühl, dass die Hand, die füttert, nicht gebissen werden darf. Anders als der letzte Unternehmer im Bundesrat hat Herr Schneider sein Vermögen nicht mit Finanztransaktionen mit Gehilfe Ebner «erwirtschaftet». Was lustigerweise beide verbindet, ist das Wettern gegen die Selbstbereicherung von Spitzenmanagern. Jetzt hat er es in der Hand, unsinnigen Spekulationen, die wenigen nützen, doch den meisten schaden, Einhalt zu gebieten. Präsenzzeit nach Gutdünken wird es nicht mehr geben. Auch ist die Zeit der Eigeninteressenvertretung vorbei. Als umsichtigen Arbeitgeber, der eher im Ausland Stellen streicht als in Langenthal, begleiten ihn Haufen von oberaargauischen Vorschusslorbeeren. Ein Unternehmensführer macht aber noch keinen Volkswirt. Betriebliches Denken ist oft nicht auf Volkswirtschaften zu übertragen, die naturgemäss anderen Gesetzmässigkeiten folgen. Wünschen wir dem Mann, der jetzt konsequenterweise Schneider-Schweiz oder Schneider-Helvetia hiesse, dass er auch noch – ganz parteiatypisch – ein wenig leuchtet, wenn das Licht der Vorfreude dem Tageslicht weicht. Ich werde weiterhin «aus Langenthal» antworten, ohne den neuen Bundesrat zu erwähnen, und beobachten, ob sich die klischierte Wahrnehmung der Stadt im Laufe seiner Amtszeit verändert. Matthias Kunz (31), aufgewachsen in Langenthal, eigentlich Roggwil, lebt in der Hauptstadt und ist Schauspieler. •www.strohmann-kauz.ch>

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