«Lääri Glesli chöme mir i Sinn»

Langenthal

Am Samstag verabschiedete sich Max Leuenberger als dienstältester Langenthaler Wirt von seinen Stammgästen und der Spanischen Weinhalle. Pedro Lenz und zahlreiche Musiker waren dabei.

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Die erste Stange Bier, die er ausschenkte, kostete wahrscheinlich 1.20 Franken. Ganz genau weiss er das selber nicht mehr. Kein Wunder: Das war 1976. Max Leuenberger war 26-jährig, Bauzeichner und Innenarchitekt. Das war in der Traube. Während der ersten zwei Jahre führte er sie zusammen mit Ueli Furrer und Catherine Biedermann, dann alleine. Im September 1988 wechselte er in die Spanische Weinhalle. Beide Lokale wurden zu Institutionen in Langenthal und zu Zentren einer grossen Familie, die sich über mehrere Generationen erstreckte. «Chez Max» lautete ein Langenthaler Zauberwort.

Riesig war der Andrang am Samstag. Alle wollten noch einmal dabei sein und nichts verpassen. Jung und Alt, vom Schüler bis zum Unternehmer. Genau das ist das Besondere an Max Leuenberger: Bei ihm verkehrten die unterschiedlichsten Gäste. Hier setzten sich der Politiker und der Plauderi, einer von links und einer von rechts, der Geschäftsmann und der Sportler an denselben Tisch, kamen ins Gespräch, lernten voneinander oder tauschten Geschichten aus. Bedient wurden sie vom Wirt persönlich oder oft von Angestellten, an die man sich auch Jahre später noch erinnert.

Ausflug in die Politik

Auf der SP-Liste wurde Max Leuenberger auch in den Stadtrat oder in den Grossen Gemeinderat gewählt, wie das damals noch hiess. Aber in seiner Beiz konnte er mehr bewegen. Dem Wirt kamen sämtliche Neuigkeiten und Gerüchte zuerst zu Ohren. Er wusste genau, was er wem erzählen durfte und was er besser für sich behielt. Aus der kleinen Küche der Traube zauberte er Tag für Tag ein Mittagsmenü auf den Tisch. In der Spanischen war das nicht mehr möglich. An ihm lag es nicht, viel mehr an der winzigen Küche und den zuständigen Amtsstellen. Schade, er wäre ein guter Koch.

Zusammen mit Bernhard Hugi kaufte er die Spanische Weinhalle, übrigens eine der ältesten der Schweiz. Vielleicht sogar die erste. Im September 1988 war Eröffnung. Im Dezember kam nebenan im früheren Fotogeschäft Wüthrich die Panther-Bar dazu. Rund zwölf Jahre führte Max Leuenberger beide Lokale gleichzeitig. Später musste er kürzertreten und seinen Anteil verkaufen. Zuletzt lohnte sich die Beschäftigung von Personal nicht mehr. Die Gäste standen öfter vor geschlossenen Türen.

Zumindest den älteren Gästen noch bestens in Erinnerung ist Mutter Rosa Leuenberger. Sei es wegen ihrer besonders grosszügig bestückten Sandwiches oder der legendären Kuchen.

James kommt von Jaime

Für viele ist die Spanische der James. Doch selbst die meisten Stammgäste wissen gar nicht, warum. Englisch ausgesprochen führt dieser Name sowieso in die Irre. Erster eingetragener Wirt der Spanischen war Pedro Monner. Wie alle seine Nachfolger war er Katalane. 1940 bis 1974 wurde das Restaurant an Hedwig Romagosa-Hächler verpachtet. Deren Ehemann war ein geselliger Typ und hiess Jaime. Bei ihm verkehrten viele Fussballer. Auf ihn ist der inoffizielle Name James zurückzuführen. Eigentlich müsste er also Spanisch ausgesprochen werden.

Der James ist auch das «Maison», die Stammbeiz vom Goalie im Buch von Pedro Lenz. Vor einer Woche riefen ihn ein paar Langenthaler an. Der Autor zögerte keinen Moment. Am Samstag kam er für eine Lesung. Sein Thema war passend der Frühling als Moment des Aufbruchs, des Neuen und des Wechsels. In dieser und ähnlichen Beizen sei er als junger Bursche noch einmal erzogen worden. Resolute Wirtinnen und Serviertöchter hätten den jungen Burschen Anstand beigebracht, so Pedro Lenz.

Mit viel Musik

Für Max Leuenberger war der Auftritt des Autors eine Überraschung, genauso wie die späteren Konzerte der Pouseblooser oder der zahlreichen Musiker rund um Tom Küffer. «Lääri Glesli chöme mir i Sinn, lääri Glesli müesse das gse si, wo näbe üs uf em Trottoir gläge si...», sangen sämtliche Anwesenden lauthals zur Melodie von Polo Hofers «Alperose», in Erinnerung an eines von bisher 24Hoffesten. Und im Song «Campari Soda» sagte der Co-Pilot beim Flug über die Schweiz durchs Mikrofon: «Töif nide im James isch aus im Lot.»

Die letzte Nacht mit Wirt Max Leuenberger wurde eine lange. Viele Gäste standen draussen im Hof. Zwischendurch gabs Geschenke, Worte des Dankes und schöne Erinnerungen.

Alles miterlebt

Mit 64 Jahren will sich Max Leuenberger nun zur Ruhe setzen. Für seinen Rücken und die Knie war die steile Kellertreppe schon lange ein Hindernis. Ausserdem hat sich während seiner Zeit im Gastgewerbe so ziemlich alles verändert. Er habe den ganzen Behördenwahnsinn mitgemacht, sagte er zu den ständig ändernden Vorschriften und Gesetzen. Aber auch das Ausgehverhalten der Gäste habe sich enorm verändert. Grosse Worte waren von Max Leuenberger auch zum Abschied nicht zu hören. Nur eines ist ihm wichtig: «Dankeschön an alle!»

Sämtliche Bier- und Weinvorräte wurden am Samstag auch ohne Austrinket geleert. Jetzt wird geputzt, dann gestrichen und die Küche erneuert. Voraussichtlich am 8.Mai wird Pia Affentranger-Gerqina die Spanische Weinhalle neu eröffnen.

Berner Zeitung

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