Alles, aber bestimmt kein Dorfkönig

Röthenbach

Vierzig Jahre amtete Ernst Lüthi als Gemeindeschreiber von Röthenbach. Möchte man ihn beleidigen, müsste man behaupten, er sei der Dorfkönig gewesen. Das Gegenteil war jedoch der Fall.

Ernst Lüthi wusste, wie er mit den Röthenbachern sprechen musste, damit er als Gemeindeschreiber zu gütlichen Lösungen kam.

Ernst Lüthi wusste, wie er mit den Röthenbachern sprechen musste, damit er als Gemeindeschreiber zu gütlichen Lösungen kam.

(Bild: Thomas Peter)

Susanne Graf

«Ist das nicht schade ums Papier?» Ernst Lüthi zögert, als er hört, dass diese Zeitung ein Porträt über ihn veröffentlichen will. Er möchte kein Aufheben darum, dass er vierzig Jahre als Gemeindeschreiber von Röthenbach geamtet hat. Ernst Lüthi ist ein bescheidener Mensch. «Es wäre das schlimmste Schimpfwort, das man mir an den Kopf werfen könnte, wenn man sagen würde, ich sei ein Dorfkönig gewesen», sagt er. Lüthi hat nicht regiert. Er stand zu Diensten. Allen. Auch jenen, die mitten in der Nacht merkten, dass sie für die Reise am nächsten Morgen noch eine gültige Identitätskarte brauchten.

Die Röthenbacher wussten, dass sie ihren Schreiber Tag und Nacht im Gemeindehaus finden konnten. Bis vor sieben Jahren wohnte er in den Räumen über der Gemeindeverwaltung. Das hatte den Vorteil, dass er in den Finken an den abendlichen Gemeinderatssitzungen teilnehmen konnte. Es hatte aber den Nachteil, dass es seine Frau und die beiden Söhne mitbekamen, wenn in einem Fall von häuslicher Gewalt im Gemeindehaus weitergestritten wurde.

Lüthi und die Hebamme

Selbstverständlich hat Lüthi seine nächtlichen Kunden an die Büroöffnungszeiten erinnert. Aber fremd war es ihm nicht, von Hilfesuchenden aus dem Schlaf gerissen zu werden. Das kannte er von seiner Mutter. Sie war Hebamme. Als der Gemeindeschreiber auch noch Zivilstandsbeamter war, kam es vor, dass Mutter Lüthi einem Kind bei einer Hausgeburt auf die Welt half und ihr Sohn als einer der Ersten gratulieren kam, um den neuen Bürger ins Register aufzunehmen.

War das Kind um die zwanzig Jahre alt, kam dann auch noch Lüthis Vater ins Spiel: Er, der gegenüber der Gemeindeschreiberei eine Eisenwarenhandlung führte, amtete nebenbei als Sektionschef. «Eine Zeit lang haben meine Eltern und ich uns gegenseitig in die Hand gearbeitet.»

Nur kurz weg

Lüthi kam in seinem Berufsleben nicht gross in der Welt herum. Auf der einen Strassenseite ist er aufgewachsen, auf der andern hat er später gearbeitet und gewohnt. Nur die Lehre absolvierte er ausserhalb von Röthenbach – in Eggiwil. Danach verschlug es ihn sogar bis ins Schwarzenburgerland. In Rüschegg wurde er nach zweieinhalb Jahren zum Gemeindekassier gewählt. Dort hatte man keine Freude, als Lüthi ein halbes Jahr später kündigte. Aber als der Röthenbacher Gemeindeschreiber unverhofft wegen Überlastung demissioniert hatte, konnte Lüthi der Versuchung nicht widerstehen – wegen des Zivilstandsamts, das er als Gemeindeschreiber gleichzeitig führen konnte.

Geschickt verhandelt

Ernst Lüthi erinnert sich an das Vorstellungsgespräch, das auf dem Sitzofen des Gemeindepräsidenten stattgefunden habe. Skeptisch sei dieser gewesen: Konnte das gut gehen «mit einem 22-jährigen Giel, der selber noch in den Flegeljahren steckte»? Wäre er imstande Trauungen und schwierige Vormundschaftsgeschäfte durchzuführen? Doch schliesslich war Lüthi der Einzige, der das Amt wollte. Der andere hatte seine Bewerbung zurückgezogen: Markus Grossenbacher, der heutige Regierungsstatthalter des Emmentals.

In 25 Jahren hat Lüthi 250 Paare getraut, bevor das Zivilstandswesen kantonalisiert wurde. Die anderen Arbeiten im Zivilstandsamt übernahm meistens seine als Zivilstandsbeamtin ausgebildete Frau Béatrice.

«Ich habe nie behauptet, ich sei ein guter Gemeindeschreiber», sagt Ernst Lüthi. «Aber weil ich viele Röthenbacher seit dem Kindbett kannte, wusste ich, wie man mit ihnen reden muss.» Das sei ihm in mancher Verhandlung mit Gemeindebürgern zugutegekommen. Rund 1200 Bauentscheide habe er in den vierzig Jahren ausgestellt, gegen keine sei je Beschwerde geführt worden.

Wenn er und seine Frau, die nach dem Wegfall des Zivilstandswesens weiterhin auf der Gemeindeverwaltung mitgearbeitet hat, Ende Jahr in Pension gehen, sind es «die guten Kontakte zur Bevölkerung», die ihnen in dankbarer Erinnerung bleiben werden. Natürlich denkt Lüthi vorab an die Röthenbacherinnen und Röthenbacher, denen er auch künftig begegnen wird. Doch er denkt auch an Bürger, die anderswo leben, aber mit ihrem Heimatort verbunden blieben: Etwa an Sportmoderator Karl Erb.

Oder an den Mann, dem er einmal die Zivilstandsbücher zeigte. Erst nachträglich habe er gehört, der Fremde sei in einer Limousine mit kugelsicheren Scheiben vorgefahren. Da erst merkte Lüthi, dass er Fritz Gerber, den damaligen Verwaltungsratspräsidenten von Hoffmann-La Roche, zu Besuch gehabt hatte. Aber offenbar spricht Lüthi auch die Sprache eines Mannes dieses Kalibers – jedenfalls habe Gerber den Bau des Mehrzweckgebäudes im Hübeli und weitere Projekte «grosszügig gesponsert».

Berner Zeitung

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