Eine Käserei als Familiengeschichte

Wyssachen

Katja Meister hat ihre Maturaarbeit über die Käserei Mannshaus in Wyssachen geschrieben, in die ihre Familie stark involviert ist. Den ersten Protokollband auszuwerten, war eine Knochenarbeit.

Katja Meister mit dem alten Buch, in das von 1881 bis 1941 die Protokolle der Käsereigenossenschaft Mannshaus eingetragen wurden. Sie hat darüber ihre Maturaarbeit geschrieben.

Katja Meister mit dem alten Buch, in das von 1881 bis 1941 die Protokolle der Käsereigenossenschaft Mannshaus eingetragen wurden. Sie hat darüber ihre Maturaarbeit geschrieben.

(Bild: Thomas Peter)

Jürg Rettenmund

Das Buch ist nicht unbedingt das, worauf junge Frauen heute abfahren dürften: braun marmorierte Deckel, der Rücken aus Leder. Besonders die Ecken und die ebenfalls bräunliche und zum Teil nicht mehr lesbare Etikette mit sichtbaren Spuren des langen Gebrauchs. Katja Meister jedoch hat sich ein gutes Jahr lang mit diesem Buch beschäftigt: Für ihre Maturaarbeit am Gymnasium Oberaargau hat sie es abgeschrieben und daraus eine Geschichte der Käserei Mannshaus verfasst.

Sie gehe gerne rechtzeitig an eine Aufgabe heran, sagt die Gymnasiastin zur ungewöhnlich langen Zeit, während der sie an ihrer Maturaarbeit sass. Sie habe sich dafür mit der Geschichte ihrer Familie befassen wollen und dafür lange die Fotos im Auge gehabt, die ihre Eltern und der Grossvater in mehreren Schachteln aufbewahren.

Doch dann sei eines Tages beim Aufräumen im Stöckli das erste Protokollbuch der Käsereigenossenschaft Mannshaus zum Vorschein gekommen, das die Entwicklung von der Gründung 1881 bis 1941 dokumentiert. Die Lehrkraft, die sie betreute, sei vom Buch begeistert gewesen, und sie anfänglich auch, sagt Katja Meister.

Denn sowohl ihr Vater wie auch der Grossvater, der Ur- und der Ururgrossvater hatten in der Käserei eine wichtige Rolle gespielt. In ihrem Bauernhaus war diese 1881 sogar gegründet worden, und der Ururgrossvater, Andreas Meister, wurde dort zum ersten Präsidenten gewählt.

300 Seiten Frakturschrift

Vorübergehend habe sich bei ihr allerdings auch Ernüchterung breitgemacht, gibt Katja Meister freimütig zu. Diese rührte nicht in erster Linie daher, dass man unverkennbar riecht, dass das Buch während Jahren im Speicher lag, wo früher auch das Getreide gelagert wurde. Vielmehr war es der Umfang des Buches, der die Gymnasiastin herausforderte: 300 Seiten, alles in alter Kurrentschrift, die Katja Meister zuerst lesen lernen musste, indem sie ein Alphabet zu Hilfe nahm. Die Begeisterung sei aber wieder zurückgekehrt, als sie aus der Abschrift eine Geschichte der Käserei zusammentrug.

Mit dem Gründungsjahr 1882 gehört Mannshaus zu den späten Gründungen von Emmentaler Käsereien. Die Käseproduktion war im 19.Jahrhundert von den Küheralpen ins Tal verlegt worden.

In Wyssachen bestanden bereits ältere Käsereien in Gehrisberg, Dürrenbühl und Heimigen, in die auch einzelne Landwirte aus dem oberen Gemeindeteil ihre Milch brachten. Die meisten mästeten damit jedoch Kälber. Die Milch zu verkäsen, versprach nun auch für sie einen grösseren Verdienst.

Man sei sich mit den Bauern der am nächsten gelegenen Käserei Gehrisberg jedoch nicht einig geworden, weiss Katja Meister aus einem Theaterstück, das ihr Grossvater Alfred Meister zum hundertjährigen Bestehen der Käserei 1981 geschrieben hatte. In Gehrisberg werde zu wenig Ordnung gehalten, sei in Mannshaus moniert worden. Der Grossvater hatte in seinem Theaterstück auch mündliche Überlieferungen verarbeitet.

Das Ende der eigenen Käserei

Während sich Katja Meister in das müffelige Buch vertiefte und damit die Gründungsgeschichte der Käsereigenossenschaft für die Mitglieder wieder bewusst machte, hat sich ihr Vater mit der Liquidation auseinanderzusetzen: War Andreas Meister ihr erster Präsident, so ist Richard Meister voraussichtlich ihr letzter.

Die Käserei Mannshaus war 2002 Opfer der Marktbereinigung durch die Firma Emmi geworden: Nachdem diese ihr den Käsekaufvertrag gekündigt hatte, gab der Käser seine Anstellung auf. Auf die Schnelle konnte für ihn kein Ersatz gefunden werden. Sie habe von dieser Entwicklung vor allem mitbekommen, dass ihre beste Freundin plötzlich weggezogen sei, erinnert sich Katja Meister. Diese war die Tochter des Käsers. Nun hat Katja Meister ihrer Arbeit ein Kapitel über diese Zeit angefügt.

Die Milch der Mannshaus-Bauern wird seither – wie auch die der Käserei Gehrisberg – in Dürrenbühl verarbeitet, der einzigen Wyssacher Käserei, die die Bereinigung überlebt hat. Das Käsereigebäude in Mannshaus ist seither vermietet, und die Zukunft der Genossenschaft ist offen.

Katja Meister hofft, dass das «Überbleibsel aus dem 19.Jahrhundert» einen Weg in die Zukunft findet. Diesen Titel hat sie ihrer 235-seitigen Arbeit gegeben, die sie am nächsten Montag, wie alle andern Maturandinnen und Maturanden am Gymnasium Oberaargau , mündlich vorstellen wird.

Programm der Präsentation der Maturaarbeiten am Montag, 19. Januar, auf www.gymo.ch.

Berner Zeitung

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