Viel Wind um das neue Wahrzeichen

Wyssachen

Es kam auf einem Sechsachser aus Irland, in Einzelteilen: das Windkraftwerk, das nun im Alewindli steht. Es ist mit 29 Metern Höhe das grösste private Windrad im Kanton.

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Chantal Desbiolles

Just als der Tross auf dem Hoger in Wyssachen eintraf, setzte der Regen ein. Es sträzte gar, als sich die Mannen mit vereinten Kräften ans Abladen machten. Der Mast in vier Teilen, sein Fuss, die Gondel und Rotorblätter, der Schaltkasten: insgesamt 10,8 Tonnen Material, das auf einem Sechsachser hertransportiert worden war. Der Sattelschlepper und seine Fracht sowie Begleitfahrzeuge mit Monteuren und einem Elektriker waren Tage zuvor in Irland losgefahren, hatten mit der Fähre nach England übergesetzt und waren über Frankreich in den Oberaargau gelangt.

Nach Wyssachen, um genau zu sein, ins Alewindli. Hier wurde das Windkraftwerk in den letzten Tagen zusammengesetzt und aufgerichtet. Eine Premiere, nicht nur für dessen Eigentümer Fritz und Marianne Iseli, sondern gleichermassen auch für die irische Herstellerfirma C&F Green Energy: Sie lieferte erstmals Windkraftwerke auf das europäische Festland aus. Ein zweites brachte sie auf derselben Fahrt nach Frankreich.

Verzögerung wegen Konkurs

Neuland bedeutete das Windkraftwerk auch im Vorfeld für alle am Projekt Beteiligten. Eigentlich waren die Initianten – allen voran Umweltingenieur und Projektleiter Lukas Meister seitens der Clevergie GmbH – ursprünglich mit einem amerikanischen Hersteller handelseinig geworden.

Doch es kam anders als erwartet, als plötzlich der Chef dieser Firma verhaftet wurde, was Meister zufällig erfuhr: Das Unternehmen ging Konkurs. Die Anzahlung für das bestellte Werk konnte Fritz Iseli mit Glück noch stoppen. Dieser Umstand hat das Projekt um nahezu ein Jahr verzögert; das Gesuch für die Anlage neben ihrem Landwirtschaftsbetrieb hatte Familie Iseli bereits im Februar letzten Jahres eingegeben.

«Wir dachten eigentlich, die Abwicklung des Gesuchs für die neue Anlage würde mehr Zeit in Anspruch nehmen als dessen Beschaffung», sagt Lukas Meister. Zumal ja auch Ausnahmebewilligungen einzuholen und zig Abklärungen zu treffen waren. Vor diesem Hintergrund sei die Montage an sich nicht mehr mit grossem Aufwand verbunden gewesen: Die Anlage wurde am Boden liegend zusammengesteckt und anschliessend hochgehievt – dabei lastete ein Gewicht von 180 Tonnen auf dem Drehpunkt. Sie steht auf einem massiven Betonfundament, das in Form eines umgekehrten Pilzes in den Boden eingelassen worden ist.

Seit Ende letzter Woche thront es über Wyssachen, das 29-Meter-Windrad. Das grösste seiner Art im Kanton Bern in privater Hand sollte 25'000 Kilowatt Energie produzieren und damit 6 bis 7 Haushalte versorgen. Sollte, denn wie viel es tatsächlich sein wird, wird erst die Erfahrung zeigen.

Nicht nur, weil der Hersteller selbst mit dem doppelten rechnet – sondern auch, weil der Ertrag bei der Windenergie grundsätzlich grossen Schwankungen ausgesetzt ist, wie Meister erklärt. Dazu komme, dass Erfahrungswerte in diesem Bereich in der Schweiz fehlten. Einmal im Jahr wird die Anlage gewartet; mehr als Schmieren müsse man sie nicht, sagt Fritz Iseli. «Sie sollte nun für uns arbeiten.»

Die horizontale dreiflüglige Windturbine richtet sich automatisch gegen den Wind aus: Ab 5 Stundenkilometern Wind drehen sich die 7 Meter langen Flügel, ab 9 Stundenkilometern wird Strom hergestellt. Er fliesst vom Generator – der wie Bremse, Wind- und Richtungsmesser in der Gondel steckt– hinab in den Steuerungskasten und wird dort von Gleich- in Wechselstrom umgewandelt und von dort weiter in das Netz der Onyx eingespeist.

Budget: 150'000 Franken

15 Rappen erhält Familie Iseli pro Kilowattstunde verkauftem Ökostrom. «Amortisieren», sagt Fritz Iseli, «liesse sich die Anlage ab etwa 30 Rappen.» Fördergelder hat er keine beantragt; der «staatliche Tropf» ist nicht sein Ding. Viel lieber würde er den sauberen Strom an eine regionale Unternehmung verkaufen «etwa an eine Bäckerei zur Produktion von Windweggli», sinniert Iseli.

94'000 Euro hat alleine das Kraftwerk gekostet; total rechnen Iselis mit Investitionen in Höhe von 150'000 Franken. In den nächsten Tagen werden das Windrad ans Netz angeschlossen und der Zähler montiert, dann wird die Überwachung sowie die Visualisierung der Stromerträge eingerichtet. Neue Infotafeln sollen Besuchern die Windenergie im Alewindli näherbringen.

Tag der offenen Tür: Samstag, 27.September.

Berner Zeitung

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