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Der Gerichtssaal ist Geschichte

Der Amtsgerichtssaal im Schloss Wangen hat ausgedient. Der prächtige Raum wird gegenwärtig ausgeräumt und für Büros umfunktioniert. Damit ist die über 600-jährige Tradition der Gerichtsbarkeit in Wangen zu Ende.

Ein Bild für die Geschichtsbücher: Richter Fritz Aebi steht ein letztes Mal im Amtsgerichtssaal des Schlosses Wangen.
Ein Bild für die Geschichtsbücher: Richter Fritz Aebi steht ein letztes Mal im Amtsgerichtssaal des Schlosses Wangen.
Thomas Peter

Solche Säle gibt es im Oberaargau nicht viele: dicke Mauern, Wandverzierungen, eine eindrückliche Holzdecke, hängende Kronleuchter und sorgsam gefertigte Holzpulte – der Amtsgerichtssaal im Schloss Wangen.

Oder besser: Es war der Gerichtssaal. Denn in diesen Tagen wird die Ausstattung geräumt, die Pulte werden herausgerissen. Dem Saal hat die letzte Stunde geschlagen. Grund: Das neue Regierungsstatthalteramt Oberaargau braucht Platz. Aus dem Saal wird nun ein Grossraumbüro.

Fritz Aebi, Gerichtspräsident im Schloss Aarwangen, ist nochmals in den Saal gekommen. Er setzt sich ein letztes Mal auf einen der Stühle am Richterpult. «Diese hier sind bequemer als unsere», erklärt er. Wenn sie nicht zu breit sind, möchte er sie nach Aarwangen zügeln. Als letztes Andenken sozusagen.

Gelogen und ausgeteilt

Der Wanger Amtsgerichtssaal war einst Aebis Arbeitsort. Acht Jahre lang befragte er hier als Vorsitzender des Strafamtsgerichts Angeklagte und Zeugen, versuchte der Wahrheit auf die Spur zu kommen, sprach Urteile. «Die ganze Palette von Vergehen war vertreten», erinnert sich Aebi. Nur Kapitalverbrechen wie Mord wurden vom Geschworenengericht behandelt. Aebi lächelt vielsagend: «Hier sassen die verschiedensten Leute. Es wurde viel gelogen und ausgeteilt. Und oft vernahm man Worte aus dem Tierreich.»

Ein- bis zweimal pro Jahr

Ende 1996 zügelte Aebi ins Schloss Aarwangen, weil das Amtsgericht Wangen mit dem in Aarwangen zusammengelegt wurde. Seither gab es im Wanger Schloss jährlich nur noch eine bis zwei Gerichtsverhandlungen. Aebi: «Etwa dann, wenn mehrere Angeklagte vor Gericht standen und ein grosser Saal gebraucht wurde.» Zusätzlicher Vorteil: Im Haus gegenüber ist die Polizei untergebracht, dort gibt es auch Arrestzellen, wo verhaftete Angeklagte über Mittag eingesperrt werden konnten.

Tumult im Gericht

Von den vielen Verhandlungen im Gerichtssaal ist Fritz Aebi eine besonders im Gedächtnis geblieben. Im März 2007 kam es nach der Urteilsverkündung im Fall dreier Kurden zu einem Tumult:Einer der Angeklagten und zwei kurdische Zuschauer begannen zu schreien und die Richter zu bedrohen. Aebi musste den Saal von Polizisten räumen lassen. Ein Vorfall, der Fritz Aebi damals auch nach fast 20-jähriger Richtertätigkeit unter die Haut ging. Die letzte Gerichtsverhandlung im Saal fand am 5.Juni 2009 statt.

Bald stehen nun Büropulte, Computer und Ordner im ehemaligen Amtsgerichtssaal. Die Angestellten des vergrösserten Statthalteramtes beziehen ihre Arbeitsplätze Anfang 2010.

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