«Die regionale Verankerung ging verloren»

Burgdorf

Der Fachbereich Architektur der Berner Fachhochschule verzeichnet seit Jahren stagnierende Studentenzahlen. Nun geben die Burgdorfer Gegensteuer.

Hat erkannt, dass es im Architekturstudium Veränderungen braucht: Urs Heimberg (r.), Fachbereichsleiter an der Fachhochschule.

Hat erkannt, dass es im Architekturstudium Veränderungen braucht: Urs Heimberg (r.), Fachbereichsleiter an der Fachhochschule.

(Bild: Thomas Peter)

Philippe Müller

Urs Heimberg will nicht falsch verstanden werden, wenn er sagt, dass das Architekturstudium der Berner Fachhochschule (BFH) in Burgdorf etwas im Schatten der Konkurrenz stehe. «Es ist nicht so, dass wir einen krassen Aderlass zu beklagen hätten», sagt der Vizedirektor des Departements für Architektur, Holz und Bau BFH.

Aber: «Seit rund fünf Jahren stagniert bei uns die Anzahl Studenten, währenddem andere Architekturschulen für den gleichen Zeitraum ein starkes Wachstum ausweisen.» Der Fachbereich Architektur der BFH benötige ungefähr 70 Studenten pro Jahr, damit der Studiengang wie vorgesehen gestaltet werden könne. Der Schnitt hat sich jedoch seit einiger Zeit bei rund 60 Studenten eingependelt.

Was Heimberg noch mehr zu denken gibt als die zahlenmässige Entwicklung, ist folgender Fakt: «Ich stelle vermehrt fest, dass wir die Studenten aus der Region nicht mehr abholen können.» Sie würden sich immer häufiger für ein Architekturstudium in Luzern oder Winterthur entscheiden. «Wir haben die regionale Verankerung verloren», stellt der Vizedirektor und Fachbereichsleiter Architektur selbstkritisch fest. Rückmeldungen von Architekturbüros aus der Region liessen denselben Schluss zu, sagt er.

Kaum mehr Vorlesungen

Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung, so sagt man. Die schonungslose Selbstanalyse von Urs Heimberg und seinem Team stand am Anfang eines zwei Jahre dauernden Prozesses. «Wir haben kaum einen Stein auf dem anderen gelassen und ein komplett neues Konzept entwickelt», sagt Heimberg.

In groben Zügen lassen sich die Änderungen wie folgt zusammenfassen: Das Bachelorstudium findet künftig ohne Vertiefungsrichtung statt. Konnte bisher noch zwischen drei Spezialisierungsgebieten ausgewählt werden, wird es künftig für alle ein generalisiertes Grundstudium geben, das sämtliche Aspekte der Architektur umfasst. Soziologische Themen finden darin ebenso Platz wie die Kunstgeschichte oder die Lehre von Konstruktionsmethoden.

Zweiter markanter Unterschied zum heutigen Studium: Ab kommendem Herbst wird dem kreativen Schaffen noch mehr Platz eingeräumt. Bislang wurden die Burgdorfer Architekturstudenten in sechsmonatigen Theorieblöcken unterrichtet, das zweite Semester eines Studienjahres verbrachten sie dann in einer Atelierumgebung im Schulgebäude, wo das praktische Arbeiten im Vordergrund stand.

Künftig werden die Studenten deutlich mehr Zeit in diesen Entwurfsateliers verbringen. Die Dozenten kommen zu ihnen und vermitteln ihnen die Theorie «praxisbezogen und massgeschneidert». Pro Jahr werden auf diesem Weg je zwei Theoriemodule abgehandelt. «Davon versprechen wir uns einen höheren Praxisnutzen», sagt Urs Heimberg.

Berner Dozenten

Ein wichtiges Mosaiksteinchen auf dem Weg zurück zu einer Schule mit regionaler Verankerung sind die Lehrpersonen. Man habe darauf geschaut, sagt Heimberg, dass man das Kollegium punktuell und wo möglich mit regionalen Dozenten ergänze. «Vorher hatten wir eher eine schweizweite Optik.»

Heimberg spricht davon, dass es zahlreicher Retraiten dafür bedurft habe, zusammen mit den Lehrkräften die Neuausrichtung des Architekturstudiums zu erarbeiten. «Es gab zwei Lager: hier die Theoretiker, dort die praxisaffinen Architekten.» Für die Dozenten sei der Neubeginn nicht zu unterschätzen, nicht zuletzt weil die Vermittlung der Theorie nun aufwendiger werde. «Mittlerweile stelle ich aber einen breiten Konsens fest, das Kollegium steht hinter der Neuausrichtung.» Heimberg betont, dass kein Lehrer aus Frust gekündigt habe und dass auch niemand entlassen worden sei.

Warten auf den Effekt

Künftig wird das Architekturstudium explizit auf fünf Jahre ausgelegt. Also auf das dreijährige Bachelorstudium und den zweijährigen Masterstudiengang. «Heute ist es so, dass kaum ein Bachelorabsolvent den Master in Burgdorf macht», sagt Heimberg. Im Gegenzug habe man aktuell viele internationale Studenten, die für den Master nach Burgdorf kämen, weil das Vertiefungsgebiet Holz einem weltweiten Trend entspreche. Neu soll es also ein Sowohl-als-auch sein: Studenten aus der Region und dem Ausland sollen in englischer, deutscher und französischer Sprache gemeinsam das Masterstudium absolvieren.

Heimberg ist bewusst, dass die Berner Fachhochschule mit der Neuauflage des Architekturstudiums auch ein gewisses Risiko eingeht. Denn eine Garantie dafür, dass das neue Konzept weiterhin junge angehende Architekten aus der ganzen Schweiz und vermehrt auch aus der Region anspricht, haben die BFH-Verantwortlichen nicht. Urs Heimberg sagt denn auch, man müsse für eine seriöse Erfolgsbewertung zwei, drei Jahre zuwarten. «Es wird seine Zeit dauern, bis sich die Neuerung herumgesprochen hat. Die beste Werbung für uns sind zufriedene Studenten.» Ab Herbst wird die Probe aufs Exempel gemacht. Die Anmeldezahlen liegen aktuell etwa auf dem Niveau der Vorjahre.

Notiz am Rande: Daran, dass das einstige «Tech» in ein paar Jahren von Burgdorf in Richtung Biel umzieht, gibt es bekanntlich nichts mehr zu rütteln. Laut Urs Heimberg, einem Befürworter dieser Standortkonzentration, sei die Neuausrichtung des Architekturstudiums standortunabhängig ausgearbeitet worden. Das neue Modell werde sowohl im Emmental als auch im Seeland funktionieren, gibt sich Heimberg optimistisch.

Infoabend: Am Dienstag, 17.März, werden Interessierte über die Neuausrichtung des Architekturstudiums informiert. Ab 18 Uhr in der BFH, Pestalozzistrasse 20, Gebäude B, Burgdorf. Anmeldung unter www.ahb.bfh.ch/infotag

Berner Zeitung

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