Ein Glück, dass Schüler schwänzten

Trub

Im neuen Heimatbuch berichtet ein Lehrer aus der Dorfschule Trub. Dort hatte er Mitte des 19. Jahrhunderts 175 Kinder zu unterrichten – theoretisch.

Trub heisst Trub, weil es hier einer alten Sage nach immer Nebel hatte. Vor der Ansiedlung des Klosters war das Tal eine Sumpflandschaft.

Trub heisst Trub, weil es hier einer alten Sage nach immer Nebel hatte. Vor der Ansiedlung des Klosters war das Tal eine Sumpflandschaft.

(Bild: Hans Wüthrich)

Hätte Kaspar Lüthi eine Wahl gehabt, wäre sie wohl kaum auf Trub gefallen. Doch als er das Seminar in Hofwil abgeschlossen hatte, wurde ihm, wie damals üblich, eine Schule zugewiesen. An dieser musste er mindestens ein Jahr bleiben. Den Lauperswiler verschlug es an «die damals gemischte, sehr gefüllte Dorfschule Trub». Das steht in einem Bericht, den er 1908 als alter Mann geschrieben hat. Lokalhistoriker Hans Minder hat diesen für das Truber Heimatbuch (siehe Kasten) transkribiert.

Bei Lüthis Amtsantritt im Jahr 1847 zählte die Schule 175 Schülerinnen und Schüler aus 10 Jahrgängen. Der Lehrer hatte eine Besoldung von 128 Franken in Aussicht, Naturalzulagen wie Wohnung, Land und Holz zum Heizen waren nicht vorgesehen.

Schuhe ausleihen

Alles in allem «gewiss keine beneidenswerte Stellung» für einen jungen Mann, der damit rechnete, Kostgeld bezahlen sowie Kleider und Bücher anschaffen zu müssen, während Eltern und Geschwister auf seine finanzielle Unterstützung angewiesen waren. Als er sich in Trub nach einem Kostort umsehen wollte, musste er sich erst Schuhe leihen, mit denen er sich zeigen durfte. In unmittelbarer Nähe des Schulhauses fand er eine günstige Unterkunft, musste dafür aber drei Kindern «durch beliebigen Privatunterricht» nachhelfen. «Die zeichneten sich nicht gerade durch vorzügliche Begabung und leichte Auffassung aus, und es kostete mich oft nicht geringe Mühe, ihnen einen deutlichen Begriff von einer Sache, namentlich im Rechnen, beizubringen», schrieb Lüthi.

Der junge Lehrer fand trotzdem Zeit, zwischen der Schulzeit einem Nebenverdienst nachzugehen: Im Auftrag von Gemeindeschreiber Christian Siegenthaler protokollierte er «Vogts- und andere Rechnungen» oder erstellte Abschriften. Dies habe ihm nicht nur «erspriesslichen Nebenverdienst» gebracht und seine ärmliche wirtschaftliche Lage verbessert, die Arbeiten hätten auch seinen «Gesichtssinn erweitert».

«Mangelhafter Schulbesuch»

Doch nun zur Schule. Deren Leitung fiel dem unerfahrenen Lehrer nicht leicht: «Der sehr mangelhafte Schulbesuch – von den eingeschriebenen Schülern waren durchschnittlich kaum ein Viertel anwesend – und die grosse Verschiedenheit derselben, machte einen planmässigen, systematisch fortschreitenden Unterricht unmöglich.»

Eigentlich konnte der Lehrer aber froh sein, nahmen es Schüler und Eltern mit der Schulpflicht nicht so genau. Wären alle erschienen, hätte er sie in der engen Schulstube, die zu einem Viertel von einem Steinofen belegt wurde, nicht unterbringen können. An einem gut besuchten Examen musste er sie «ineinanderpferchen, dass sie sich kaum bewegen konnten». Trotzdem hatte Lüthi mehr Freude an den Kindern, die regelmässig zur Schule kamen «und es zu einem erfreulichen Ziele brachten», als etwa an einem gewissen P.Habegger, den er nur zweimal in der Schulstube gesehen habe.

In Heimatorte abgeschoben

Zusätzlich erschwert wurde seine Arbeit «durch die beständigen Heimschübe». Gemeindebürger, die auswärts wohnten und dort verarmten, wurden in ihre Heimatorte abgeschoben. Das blieb so bis zur Einführung des Armengesetzes im Jahr 1861. «Für die Gemeinden im Emmental mit ihren vielen Burgern führte dies zu katastrophalen Armenlasten», hält der Historiker in einer Fussnote fest. In der beschriebenen Zeit zwischen 1845 und 1847 sei diese Last besonders gross gewesen.

Die verwahrlosten Familien kamen offenbar nicht selten aus dem Berner Jura und dem übrigen Welschland. Schon Kaspar Lüthi hat Erfahrungen gemacht mit fremdsprachigen Schülern in seinen Klassen: «Da diese Kinder oft nicht Deutsch reden konnten, mussten sie die Schule oft lange ohne Erfolg besuchen.»

Berner Zeitung

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