Emmentaler Bauern schlagen Alarm

Schangnau

Im Emmental sind die Direktzahlungen in vielen Betrieben so stark gesunken, dass ihre Existenz gefährdet ist. Im Durchschnitt fehlen gegenüber dem Vorjahr 7,5 Prozent. Aber die Bandbreite ist gross.

Urs Zaugg, Chef des kantonalen Amtes für Landwirtschaft und Natur (rechts), glaubt, dass es auch für Ernst Aegerters Betrieb eine Lösung gibt.

Urs Zaugg, Chef des kantonalen Amtes für Landwirtschaft und Natur (rechts), glaubt, dass es auch für Ernst Aegerters Betrieb eine Lösung gibt.

(Bild: Thomas Peter)

Ernst Aegerter bewirtschaftet in Schangnau einen 16-Hektaren-Betrieb. Das entspricht genau dem Durchschnitt aller Emmentaler Betriebe. Er betreibt Milchwirtschaft und Viehzucht. Seine Milch liefert er in die lokale Spezialitätenkäserei, die so erfolgreich ist, dass sie demnächst mit öffentlicher Unterstützung ein neues Käsereifungslager bauen kann. Aegerter war zufrieden, konnte er doch mit seinem Betrieb über Jahre einen Ertrag erwirtschaften, der es ihm ermöglichte, Gebäude und Einrichtungen à jour zu halten. Zuversichtlich regelte er seine Nachfolge. Ende Jahr will er den Betrieb seinem Sohn übergeben.

Doch am 19. Dezember 2014 kam eine böse Überraschung: die Direktzahlungsabrechnung. Die neue Agrarpolitik (AP) 2014– 2017 wirkt sich auf seinem Betrieb stark aus. Durch den Wegfall der tierbezogenen Direktzahlungen verliert Aegerter 16 Prozent. Weil in den nächsten Jahren die Übergangsbeiträge sukzessive gesenkt werden, könne sich der Ausfall auf 30 Prozent steigern, sagte Aegerter am Mittwoch an einer Medienkonferenz, die die Lobag auf seinem Betrieb durchgeführt hat. «Das wird zur Existenzfrage», sagte der Bauer. Klar sei, dass sein Sohn einem Nebenerwerb nachgehen müsse. «Aber das wird körperlich und finanziell schwierig.»

«Visionen entwickeln»

Urs Zaugg führte andere Möglichkeiten ins Feld. Der Vorsteher des kantonalen Amtes für Landwirtschaft und Natur zählte Direktzahlungsarten auf, die Aegerter bisher «noch nicht abgeholt» habe. «Die Situation ist komplex, aber es gibt immer eine Lösung, wenn man einen Betrieb konkret anschaut», zeigte er sich überzeugt.

Gerade im touristisch attraktiven Schangnau mit dem Kemmeribodenbad und der Spezialitätenkäserei müsste es seiner Meinung nach möglich sein, eine Vision zu entwickeln und eine gemeinsame Vermarktungsplattform zu schaffen. «Ihr habt hier ein Potenzial, das andere Bauern nicht haben», sagte Zaugg.

Doch für Lobag-Präsident Hans Jörg Rüegsegger ging es nicht darum, «einzelbetriebliche Lösungen» zu suchen. «Wir müssen die Rahmenbedingungen ändern.» Das Parlament habe mit der AP 2014–2017 «Sachen beschlossen», die sich nun in einer Art auswirkten, die niemand gewollt habe. Lobag-Geschäftsführer Andreas Wyss doppelte nach: «Das ist keine Agrarpolitik mehr. Das ist nur noch der kläglich gescheiterte Versuch, 2,8 Milliarden Franken fair zu verteilen.»

8 Millionen weniger

Mit der neuen Agrarpolitik erhielten die Emmentaler Landwirte im Durchschnitt 7,5 Prozent weniger Direktzahlungen als im Vorjahr. Es flossen 98 Millionen Franken Direktzahlungen ins Emmental, 2013 waren es 106 Millionen. Der Oberaargau und das Seeland sind von den Änderungen noch stärker betroffen (siehe Kasten). Nur die Berggebiete, das Oberland und der Berner Jura konnten bei den Direktzahlungen zulegen, wie Urs Zaugg aufzeigte.

Der Vorsteher des Landwirtschaftsamtes bezeichnete die Berner Landwirtschaft als «leistungsstark und nachhaltig» und sprach von einem «Milliarden-unternehmen», das pro Jahr um 2,3 Milliarden Franken einnimmt. Drei Viertel dieser Einnahmen generieren die Berner Bauern aus dem Verkauf ihrer Produkte, ein Viertel mit Direktzahlungen. Wobei es sich um Durchschnittswerte handelt. In spezialisierten Mast- und Gemüsebetrieben machen die Direktzahlungen bloss etwa 10 Prozent aus, bei Mutterkuhhaltern und in Berggebieten können sie laut Zaugg bis zu 40 Prozent der Einnahmen betragen.

Hatten die Direktzahlungen im Kanton Bern in der Zeit von 2010 bis 2013 konstant rund 570 Millionen Franken umfasst, sind es nun rund 20 Millionen weniger. Doch Zaugg ist zuversichtlich, dass 2015 wieder etwas mehr fliessen werden, weil nun auch die Landschaftsqualitätsbeiträge im ganzen Kanton «abgeholt» werden könnten.

Der Milchpreis im Sturzflug

Heinz Kämpfer, Präsident des Lobag-Vereins Emmental, zeichnete derweil ein ganz düsteres Bild der Emmentaler Landwirtschaft. Wenn die weggefallenen tierbezogenen Beiträge nicht mit gezielten Fördermassnahmen aufgefangen würden, «geht es für viele schlicht ums Überleben».

Denn nun seien verschiedene Faktoren zusammengetroffen, «die die Emmentaler Landwirtschaft an den Abgrund drängen»: Nebst den tieferen Direktzahlungen nannte er den «Sturzflug» beim Milchpreis. Hatten die Bauern vor einem Jahr 62 Rappen erhalten pro Kilo Milch, seien es gegenwärtig im Durchschnitt noch 48 Rappen. Zudem sorge der starke Franken für einen harzenden Käseexport. Kurz: In vielen Emmentaler Betrieben seien die Reserven aufgebraucht «und es herrscht Alarmstufe Rot», fasste Kämpfer zusammen.

Fritz Rüfenacht, Präsident der Volkswirtschaftskommission der Regionalkonferenz Emmental, betonte den volkswirtschaftlichen und den touristischen Nutzen der Landwirtschaft für die Region Emmental. Und er ermunterte die Bauern, innovative Projekte einzureichen, die über die neue Regionalpolitik unterstützt und gefördert werden könnten.

Berner Zeitung

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