Leben wie im Mittelalter

Burgdorf

Das Mittelalter kam gleich im Doppelpack zurück nach Burgdorf: Sowohl im Schlosshof als auch auf der Schützenmatte zelebrierte das Volk ein Leben wie vor 800 Jahren. Daran nicht ganz unschuldig war die neue Zähringerfahne.

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Majestätisch grüsst im leichten Wind der rote Aar auf güldenem Grund vom Burgfried herab. «800 Jahre Warten hat ein Ende gefunden», spricht feierlich Ruedi Boss vom Verein Kulturschloss – und das Zähringervolk freut sich mit Jubel und Hurra über die neue Fahne, die auf Schloss Burgdorf weht.Monotone DrehleiernIm Zähringervolk haben sich Leute zusammengefunden, die mit Aktionen, Theater und Führungen den Burgdorferinnen und Burgdofern das frühe Mittelalter näherbringen wollen. Es ist die Zeit, in der der Herzog von Zähringen das Schloss errichten liess und damit den Grundstein für die Stadt Burgdorf legte. Zur Feier der Zähringerfahne wird im Schlosshof mittelalterlicher Alltag auf viele Arten dargestellt. Da brodelt das Erbsmus im Kessel über dem Feuer, und unter der schattigen Linde dudeln Drehleiern monotone Klänge in den heissen Nachmittag hinaus. Liebliche Maiden reichen sich die Hände zum Reigen, während beim Badezuber Wärterinnen mit Bürste und Seife auf Kunden für die jährliche Reinigung warten.Gut bestücktes LazarettAuf dem Schwebebalken versuchen junge Recken, sich mit heftigen Stössen aus der Balance zu bringen, während andere mit Holzprügeln Knochen-Hockey spielen. Der Hospitaliter-Bruder schaut aufmerksam zu, ob nicht bald ein Verletzter zu ihm ins gut bestückte Lazarett komme. Für schwere Fälle stehen massive Werkzeuge und zur letzten Ölung Kreuz und Kännchen bereit. Marktstände halten Gemüse und Obst feil, dazu Wolle, Pfeil und Bogen sowie gestrickte Kettenhemden samt passendem Schild und Helm. Stilecht gewandete Burgleute und gemeines Volk tummeln sich munter auf dem Platze.Erst einmal 20 SilberlingeZur selben Zeit wird auf der Schützenmatte ebenfalls Mittelalter gefeiert. Hier, am Fuss des Schlossfelsens, geht es aber weit kommerzieller zu und her. Die holde Maid am Eingang kassiert erst einmal 20 Silberlinge, bevor sie die Besucher ins blickdicht umzäunte Areal einlässt. Hier gibts Schwertkämpfe, Darbietungen mit Feuerfackeln, Bogenschiessen und Axtwerfen zu bestaunen. Wer noch einmal zahlt, darf es gleich selber versuchen.Zahlreiche Stände bieten Fantasiegewänder, Kunst aus Leder, Holz, Ton und Metall an, Geknüpftes, Gesticktes oder Gefilztes. Man trinkt Drachenblut, Feengold oder frisch gebrautes Bier. Das Essbare erscheint da schon weit weniger authentisch, oder kannte man im Mittelalater schon Kebab, Käseschnitten und Bratwürste?Nur in der «Üsserschwyz»Hauptdarsteller jedoch sind die Besucher selber – geschnürt in Wams und Mieder, das Haupt mit züchtigem Schleier, Hut oder Haube bedeckt, dazu eine Pluderhose oder einen wallend langen Rock und die Füsse in Schnabelschuhen. Mit Überzeugung und Stolz trägt das Fussvolk, was es für mittelalterlich hält, wer will da kleine Entgleisungen bemängeln! So wandeln Edelfrauen, Mönche, Ritter, Mägde und Landsknechte einmütig den Zelten herum. Zu Schalmeien-, Dudelsack- und Leierklängen hopsen und drehen sich ein paar Tanzwütige, und schwer schnaufend wirft sich die Freifrau vom Bärenfall ins Gras. «Wenn es auch im Wallis Mittelalterfeste gäbe, müssten wir nicht immer in die Üsserschwyz reisen», seufzt sie. Das Gefolge nickt.

Berner Zeitung

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