«Mehr brauchen wir Jenische nicht»

Rohrbach

Zwölf Wohnwagen sind bis am Mittwoch auf dem Durchgangsplatz für Jenische auf dem Sagi-Areal In Rohrbach eingetroffen. Die Jenischen hoffen, dass das Beispiel Schule macht.

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Jürg Rettenmund

«Das ist ein Paradebeispiel dafür, wie wenig es braucht, damit wir Jenische zufrieden sind», sagte Reto Moser gestern auf dem Sagi-Areal in Rohrbach. Deshalb war der Aktuar des Vereins Bewegung Schweizer Reisende nach Rohrbach gekommen. Seit letztem Freitag stellt Grundeigentümer Markus Bösiger dort in Absprache mit der Gemeinde und dem Regierungsstatthalteramt Oberaargau einen Durchgangsplatz für Schweizer Fahrende zur Verfügung.

Inzwischen sind dort rund ein Dutzend der zwanzig Plätze belegt. Am Mittwoch luden Gemeindepräsidentin Elisabeth Spichiger und die Fahrenden Behörden und Verwaltung zu einem Ortstermin ein.

Bund, Kantone und Gemeinden verschanzten sich gerne hinter den grossen Kosten, die ein solcher Platz verursache, hielt Moser fest. Rohrbach zeige, dass dem nicht so sei. «Es braucht praktisch nichts», hielt Moser fest, was Bösiger bestätigte: Einen WC- und Duschwagen hat er hingestellt, einen Stromanschluss installiert, damit keine Generatoren lärmen, und das Gelände aus Sicherheitsgründen wegen des Lastwagenverkehrs auf dem restlichen Sagi-Areal eingezäunt. Die Gemeinde besorgt die An- und Abmeldung sowie das Inkasso. Sie kontrolliert auch, dass der Platz abmachungsgemäss nur von Schweizer Jenischen benützt wird.

Reisezeit geht zu Ende

Es sei für beide Seiten ein Learning by Doing, hielt Gemeindepräsidentin Spichiger fest und gab zu, fast ein wenig enttäuscht gewesen zu sein, als nach den vielen Anrufen im Vorfeld das Tor des Platzes am Freitagmittag immer noch geschlossen gewesen sei. Moser gab zu bedenken, dass für die Jenischen die Reisezeit zum Teil bereits vorüber sei, weil Familien mit Kindern diese nach den Sommerferien wieder in die Schule schickten. «Im Frühling, wenn die Reisezeit beginnt, hätte es vermutlich einen ganz anderen Ansturm gegeben.»

Eine, die jetzt noch mit Familie und Kindern unterwegs ist und sich deshalb in Rohrbach niedergelassen hat, ist Sandra Gerzner aus Freiburg i.Üe. Ihre Kinder sassen während des Ortstermins im Wohnwagen, schauten fern und tranken Tee. Nur ungern liessen sie sich fürs Bild in dieser Zeitung nach draussen auf ihre Fahrräder locken.

Schulaufgaben kommen mit

Den ganzen Tag können allerdings auch sie nicht fernsehen, Tee trinken und für die Zeitung Velo fahren. Weil die Schule auf ihre Bedürfnisse eingehe, könnten sie die Aufgaben auf die Reise mitnehmen und sie mit ihren Kindern selbst lösen, erklärt Sandra Gerzner. Das machten die meisten Jenischen so – die einen nähmen sie im Frühling etwas früher aus der Schule und seien dafür nach den Sommerferien zurück, die anderen warteten mit der Abreise noch zu und beendeten dafür ihre Reisezeit erst nach den Herbstferien.

Sie planten, für rund vierzehn Tage in Rohrbach zu bleiben, das hänge aber von den Verdienstmöglichkeiten ab, erklärt Sandra Gerzner. Deshalb könne es auch etwas weniger oder mehr werden. Ihr Mann arbeitet als Messer- und Scherenschleifer. Ist eine Gegend damit bedient, ziehen sie weiter. Das gibt gleich eine Gelegenheit fürs Learning by Doing vor Ort für die Angestellten der Rohrbacher Gemeindeverwaltung: Sie erfragen die Aufenthaltsdauer bei der Anmeldung. Einfacher, so wird man sich rasch einig, wäre es, diese erst bei der Abmeldung zu erfassen.

Doch sonst ist Sandra Gerzner des Lobes voll für Rohrbach: Sie dankt dafür, dass sie so rasch auf den Aufruf des Berner Regierungsrates reagiert haben. «Schade nur», sagt sie, «dass es nur ein Provisorium ist und keine Lösung auf Dauer.» Auch sie weiss aber, dass Bösiger auf dem Areal eine Kletterhalle plant und das Gelände nur frei ist, bis nächstes Jahr die Baumaschinen auffahren.

Mehr als der Standard

Und eigentlich, sagt sie, bietet der Platz in Rohrbach sogar mehr, als die Jenischen erwarten. Eine Dusche und ein richtiges WC zum Beispiel gehörten nicht zum Standard eines Durchgangsplatzes, vielmehr ein Toitoi und ein Wasseranschluss. «Doch natürlich ist es schön und praktisch, wenn es einmal mehr hat.» Es brauche also wenig, damit die Jenischen als Minderheit in der Schweiz leben können, hielt Moser fest. Um dies ins Bewusstsein zu rufen, seien sie mit ihrer Demonstration anlässlich der BEA im April angetreten.

Berner Zeitung

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