Natur für 1,5 Millionen aufgewertet

Oberaargau

Nach sechsjähriger Aufwertungsphase haben die Verantwortlichen am Montag Bilanz gezogen über das Smaragdgebiet Oberaargau. Das Fazit: Landwirtschaft und Naturschutz müssen sich nicht ausschliessen.

Zogen Bilanz: Vorstand Werner Stirnimann, Projektleiter Christian Hedinger, Präsidentin Nadine Masshardt, Regierungsrat Andreas Rickenbacher (v.l.).

Zogen Bilanz: Vorstand Werner Stirnimann, Projektleiter Christian Hedinger, Präsidentin Nadine Masshardt, Regierungsrat Andreas Rickenbacher (v.l.).

(Bild: Thomas Peter)

Kathrin Holzer

328 Massnahmen zur Förderung europaweit gefährdeter Arten sind im Smaragdgebiet Oberaargau in einer sechsjährigen Aufwertungsphase seit 2009 umgesetzt worden. Zeit für die Initianten daher, Bilanz zu ziehen zu diesem grössten von 37 Smaragdgebieten in der Schweiz, das sich mit einer Fläche von 115 km2 über nicht weniger als 19 Gemeinden in vier Kantonen erstreckt.

«Das Ergebnis lässt sich sehen», fasste Nadine Masshardt, Nationalrätin (SP) und Co-Präsidentin des Trägervereins Smaragdgebiet Oberaargau am Montag anlässlich einer Medienorientierung in Roggwil zusammen: 17 gefährdete Arten hätten durch die getroffenen Massnahmen direkt profitieren können, erklärte sie. «Das Smaragdgebiet Oberaargau ist der gelebte Beweis dafür, dass Landwirtschaft und Naturschutz keine Gegensätze sind, sondern dass sich Zusammenarbeit für alle lohnt.»

Im Spannungsfeld

Das konnte Hans Rudolf Hegi, der gestern zugleich als Gastgeber auftrat, nur bestätigen: Das Smaragdprojekt habe sein Interesse für Schleiereulen und Turmfalken geweckt, verwies der Roggwiler auf die Nistkästen im Dachstuhl seines Bauernhauses oder vereinzelte Asthaufen im Feld, die etwa Mäusen als Unterschlupf und den Vögeln bei der Futtersuche dienlich sein sollen.

Auch der Roggwiler Gemeinderat Adrian Glur (SVP) ist einer von aktuell 92 beteiligten Landwirten im Smaragdgebiet. Wie viele Roggwiler sei er mit dem Neubau der Bahnstrecke Mattstetten–Rothrist erstmals mit der Renaturierungsfrage konfrontiert worden, verwies der 48-Jährige auf das Spannungsfeld zwischen ökologischem Denken und wirtschaftlichem Nutzen, in dem sich viele seiner Berufskollegen befänden. Inzwischen hat sich aber auch Glur, der zuvor ausschliesslich intensive Milchwirtschaft und Ackerbau betrieb, mit der Bewirtschaftung sogenannter Ökoflächen ein drittes Standbein aufgebaut.

Er hat mitgeholfen bei der Auspflanzung nur noch seltener Pflanzenarten. Hat mit unbesäten Stellen Lerchenfenster geschaffen im Weizenfeld. Oder er erleichtert mit Kiesstreifen dem Gartenrotschwanz die Futtersuche in der sonst mit dichtem Gras bewachsenen «Hoschtet». Er habe jene Massnahmen umgesetzt, die sich mit seinem Betrieb vereinbaren liessen, erklärte er – hob aber auch hervor, dass ein solches Engagement ohne Unterstützung kaum denkbar wäre.

Breite Abstützung

Der Kanton Bern habe sich von Anfang an für die Aufwertung des Smaragdgebiets Oberaargau engagiert, betonte gestern der Berner Volkswirtschaftsdirektor Andreas Rickenbacher (SP). Die zahlreichen «innovativen» Lösungen, die der Kanton mit seiner Unterstützung in den vergangenen Jahren ermöglicht habe, hätten aber nur dank der Zusammenarbeit unterschiedlichster Akteure entstehen können.

Unterstützt wurde die rund 1,5 Millionen Franken teure Aufwertungsphase im Smaragdgebiet daher nicht nur von den Kantonen, Gemeinden und Verbänden, sondern als eines von aktuell nur zwei Projekten im Bereich der Biodiversität zudem vom Bundesamt für Landwirtschaft.

Und ebenso der Fonds Landschaft Schweiz (FLS) hat die Aufwertungsphase mit rund 155'000 Franken unterstützt. Es handle sich beim mitten im Mittelland gelegenen Smaragdgebiet um «ein hervorragendes Projekt» für den FLS, hielt gestern dessen Informationsbeauftragter Bruno Vanoni fest.

Folgeprojekte gestartet

Die Beteiligten machten denn auch deutlich: Das Smaragdgebiet Oberaargau wird nach der inzwischen abgeschlossenen Aufwertungsphase weiterleben. So ist durch die Übernahme der Verträge durch die Kantone nicht nur die Weiterführung der heutigen Unterhaltsmassnahmen gewährleistet. Auch sind für insgesamt 421'000 Franken bereits drei Folgeprojekte gestartet: Ein erstes will einen Massnahmen- und Notfallplan im Umgang mit Trockenperioden für das Smaragdgebiet erarbeiten.

Ein zweites will anhand des Smaragdgebiets aufzeigen, welche Massnahmen ergriffen werden müssen, damit die Umweltziele Landwirtschaft erreicht werden. Und mit einem dritten Projekt schliesslich soll der Trägerverein Smaragdgebiet Oberaargau mit Unterstützung von Bund und Kanton Bern einen Pilotmanagementplan erarbeiten, der auch anderen Smaragdgebieten als Modell dienen kann.

«Das Smaragdgebiet Oberaargau entwickelt sich zur nationalen Modellregion für die Biodiversitätsförderung im intensiv genutzten Mittelland», so Rickenbacher. Und Werner Stirnimann vom Trägerverein freute sich: «So wie die Bevölkerung der Region auf spezielle Kulturgüter und innovative Arbeitgeber stolz sein kann, kann sie auch zunehmend stolz auf ihre Biodiversität und Erholungsräume verweisen.»

Berner Zeitung

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